Extinktion

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Extinktion (Löschung) bezeichnet in der Lernpsychologie ein Verfahren und den daraus folgenden Rückgang einer zuvor gelernten Reaktion, wenn die frühere Beziehung zwischen Reiz, Verhalten und Konsequenz nicht mehr besteht. Extinktion bedeutet nicht, dass die ursprüngliche Lernerfahrung zuverlässig „gelöscht“ oder vergessen ist.[1]

Pavlovische und operante Extinktion

Klassische Konditionierung

Bei pavlovischer Extinktion wird ein zuvor konditionierter Reiz wiederholt ohne den zuvor erwarteten unkonditionierten Reiz präsentiert. Die konditionierte Reaktion nimmt typischerweise ab. Die Forschung spricht dafür, dass dabei neues, stark kontextabhängiges Lernen entsteht und die ursprüngliche Assoziation nicht einfach gelöscht wird.[1]

Operante Konditionierung

Bei operanter Extinktion führt ein zuvor verstärktes Verhalten nicht mehr zu dem Verstärker, der es aufrechterhalten hat. Dadurch kann die Auftretenswahrscheinlichkeit sinken.

Beispiel: Wenn Bellen zuverlässig dazu geführt hat, dass eine Tür geöffnet wird, wäre operante Extinktion nur dann gegeben, wenn genau diese verstärkende Konsequenz für das Bellen ausbleibt. Bloßes „Ignorieren“ ist keine Extinktion, wenn andere Konsequenzen das Verhalten weiterhin verstärken.

Abgrenzung zu Bestrafung

Extinktion ist nicht dasselbe wie Bestrafung.

  • Bei Extinktion wird die bisherige Verstärkerbeziehung beendet.
  • Bei Bestrafung folgt eine Konsequenz, durch die das vorausgehende Verhalten künftig seltener wird.

Beides beschreibt eine funktionale Beziehung und nicht die Absicht des Menschen.

Verhaltensveränderungen während Extinktion

Zu Beginn einer Extinktionsphase kann Verhalten vorübergehend intensiver, häufiger oder variabler werden. Dieses Muster wird häufig als Extinktionsburst bezeichnet. Es ist jedoch keine notwendige Phase, die bei jedem Verhalten auftreten muss.

Auch emotionale Reaktionen können auftreten, insbesondere wenn eine erwartete Konsequenz plötzlich nicht mehr verfügbar ist. Extinktion ist daher nicht automatisch ein „neutraler“ Vorgang.

Rückkehr extinguierter Reaktionen

Nach erfolgreicher Extinktion kann Verhalten erneut auftreten. Beschrieben sind unter anderem:[2]

  • Spontanerholung: Rückkehr nach Zeitablauf;
  • Renewal: Rückkehr bei verändertem Kontext;
  • Reinstatement: Rückkehr nach erneuter Erfahrung des früheren bedeutsamen Ereignisses;
  • schnelle Wiederaneignung: rascher Wiederaufbau, wenn die frühere Verstärkung erneut einsetzt.

Diese Phänomene zeigen, warum „Verhalten ist weg“ nicht mit „Lernen ist gelöscht“ gleichgesetzt werden sollte.

Bedeutung im Hundetraining

Extinktion kann bei klar identifizierten Verstärkerbeziehungen eine Rolle spielen. Sie ist aber nicht für jedes Problemverhalten die sinnvollste oder sicherste Strategie.

Vor einer Anwendung sollte geklärt werden:

  • Was verstärkt das Verhalten tatsächlich?
  • Kann diese Konsequenz zuverlässig kontrolliert werden?
  • Welche unerwünschten Nebenwirkungen sind möglich?
  • Besteht ein Sicherheitsrisiko?
  • Welches Alternativverhalten soll stattdessen aufgebaut werden?

Bei durch Furcht, Schmerz oder anderen emotionalen beziehungsweise medizinischen Faktoren beeinflusstem Verhalten reicht das bloße Ausbleiben einer Konsequenz häufig nicht als Intervention. Management, Desensibilisierung, Gegenkonditionierung oder medizinische Abklärung können wichtiger sein.

Intermittierende Verstärkung und Extinktion

Teilweise beziehungsweise intermittierend verstärktes Verhalten kann unter bestimmten experimentellen Bedingungen länger fortbestehen, wenn Verstärkung vollständig ausbleibt. Dieser Partial-Reinforcement-Extinction-Effekt ist ein gut untersuchtes Lernphänomen, aber keine allgemeine Trainingsregel, wonach möglichst variable Belohnung automatisch das zuverlässigste Verhalten erzeugt.

Für sicherheitsrelevante Signale sollte Verstärkung so geplant werden, dass Verhalten zuverlässig und lohnend bleibt; eine absichtliche Erhöhung der „Löschungsresistenz“ ist nicht das einzige oder notwendige Ziel.

Literatur und Quellen

  • Skinner BF: Science and Human Behavior.
  • Bouton ME (2004): Context and behavioral processes in extinction. Learning & Memory 11:485–494.
  • Bouton ME et al. (2012): Relapse processes after the extinction of instrumental learning. Behavioural Processes 90:130–141.
  • Overall KL: Clinical Behavioral Medicine for Small Animals.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ 1,0 1,1 Bouton ME (2004): Context and behavioral processes in extinction. Learning & Memory 11:485–494. PMID 15466298. doi:10.1101/lm.78804.
  2. ↑ Bouton ME et al. (2012): Relapse processes after the extinction of instrumental learning: Renewal, resurgence, and reacquisition. Behavioural Processes 90:130–141. PMID 22450305.