Physiologische und verhaltensmedizinische Grundlagen von Frustration und Erregung

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Physiologische und verhaltensmedizinische Grundlagen von Frustration und Erregung behandelt autonome, hormonelle und verhaltensmedizinische Einflussfaktoren. Physiologische Messwerte werden dabei nicht isoliert, sondern zusammen mit Verhalten, Kontext und möglichen medizinischen Einflussfaktoren eingeordnet.

Physiologische Grundlagen

Autonomes Nervensystem

Das autonome Nervensystem reguliert unter anderem:

  • Herzfunktion,
  • Gefäßtonus,
  • Atmung,
  • Verdauung,
  • Pupillenreaktion,
  • Stoffwechsel.

Es umfasst unter anderem sympathische und parasympathische Regulationsmechanismen.

Sympathische Aktivierung

Sympathische Aktivierung unterstützt schnelle Mobilisierung.

Sie kann unter anderem verbunden sein mit:

  • erhöhter Herzfrequenz;
  • gesteigerter Energiebereitstellung;
  • erhöhter Handlungsbereitschaft.

Parasympathische Regulation

Parasympathische Mechanismen sind unter anderem an:

  • Erholung,
  • Verdauung,
  • vegetativer Regulation,
  • kurzfristiger Herzfrequenzregulation

beteiligt.

Die verbreitete Gleichung

Sympathikus = Stress

und

Parasympathikus = Entspannung

ist zu vereinfachend.

HPA-Achse

Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse umfasst eine neuroendokrine Signalkaskade, die unter anderem zur Freisetzung von Cortisol führt.

Cortisol

Cortisol ist ein Glucocorticoid mit wichtigen Funktionen im Energiestoffwechsel und bei Anpassungsreaktionen.

Es kann unter anderem bestimmt werden in:

  • Blut,
  • Speichel,
  • Urin,
  • Kot,
  • Haar.

Die unterschiedlichen Probenarten repräsentieren unterschiedliche Zeitdimensionen.

Grenzen von Cortisolmessungen

Cortisol ist kein spezifisches „Stresshormon“ und noch weniger ein spezifischer Frustrationsmarker.

Werte werden beeinflusst durch:

  • Tageszeit,
  • körperliche Aktivität,
  • Probenzeitpunkt,
  • individuelle Unterschiede,
  • Kontext,
  • Gesundheitszustand.

Deshalb ist die Aussage

hohes Cortisol = hohe Frustration

nicht zulässig.

Herzfrequenz

Herzfrequenz kann sich mit Aktivierung verändern.

Sie ist jedoch stark von körperlicher Bewegung abhängig.

Herzratenvariabilität

Herzratenvariabilität (HRV) beschreibt Variationen der Zeitabstände zwischen Herzschlägen.

Sie kann Hinweise auf autonome Regulation geben.

Auch HRV wird jedoch beeinflusst durch:

  • Herzfrequenz,
  • Körperhaltung,
  • Aktivität,
  • Atmung,
  • Messverfahren.

Eine kleine Studie an Haushunden mit beziehungsweise ohne angstbezogene Verhaltensprobleme fand Unterschiede in mehreren HRV-Maßen, jedoch keine entsprechenden Gruppenunterschiede im Speichelcortisol. Die Autoren interpretierten dies als Hinweis für weitere Forschung und nicht als emotionsspezifischen diagnostischen Test.[1]

Frustration und HRV

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung an elf Such- und Rettungshunden berichtete nach einer experimentell erzeugten Frustrationsbedingung eine Verringerung der vom verwendeten PetPace-System ausgegebenen HRV-/Vagustonus-Messgröße sowie eine erhöhte Latenz bei der trainierten Endreaktion in einer anschließenden Suchaufgabe.[2]

Die Studie ist als Hinweis darauf relevant, dass eine unmittelbar vorausgehende Frustrationsmanipulation autonome Messwerte und nachfolgende Arbeitsleistung beeinflussen kann. Die Stichprobe war klein; außerdem war die Berechnung der vom Gerät als Vagustonus ausgegebenen HRV-Metrik proprietär. Die Ergebnisse dürfen daher weder auf alle Hunde noch auf jede Frustrationssituation oder jede HRV-Messmethode verallgemeinert werden.

Multimodale Bewertung

Physiologische Daten sollten idealerweise kombiniert werden mit:

  • Verhalten;
  • Kontext;
  • zeitlichem Verlauf;
  • Ausgangswerten;
  • individuellen Vergleichswerten.

Motivation, Sexualverhalten und Hormone

Motivation statt moralischer Bewertung

Starke Sexual-, Jagd-, Sozial- oder Futtermotivation sollte zunächst als Motivation betrachtet werden und nicht als „Ungehorsam“.

Sexualverhalten

Sexuell beeinflusstes Verhalten kann umfassen:

  • Geruchsorientierung;
  • Suche;
  • Urinmarkieren;
  • Annäherung;
  • Aufreiten;
  • erhöhte Beschäftigung mit Sexualgerüchen.

Aufreiten

Aufreiten ist nicht automatisch sexuell motiviert.

Es kann unter anderem in:

  • Sexualkontexten;
  • Spiel;
  • hoher Aktivierung;
  • sozialem Konflikt

auftreten.

Hormonelle Modulation

Hormone beeinflussen Verhalten, bestimmen es aber nicht allein.

Verhalten entsteht aus dem Zusammenspiel von:

  • Genetik;
  • Entwicklung;
  • Hormonen;
  • Lernerfahrung;
  • Umwelt;
  • aktuellem Kontext.

Sexualreize und Aufmerksamkeit

Hoch relevante Sexualreize können konkurrierende Signale weniger wirksam erscheinen lassen.

Dies sollte nicht automatisch als globale Impulsivität interpretiert werden.

Kastration

Gonadektomie verändert hormonelle Rahmenbedingungen.

Die Verhaltenseffekte sind jedoch abhängig von:

  • konkretem Verhalten;
  • Motivation;
  • Lernerfahrung;
  • Alter;
  • Individuum.

Eine Kastration ist keine allgemeine Behandlung für:

  • Frustration;
  • Erregbarkeit;
  • Impulsivität;
  • Aggression.

Verhaltensmedizinische Einordnung

Verhalten ist multifaktoriell

Problemverhalten entsteht selten aus nur einer Ursache.

Frustration und Angst

Frustration und Angst können sich verhaltensmäßig überschneiden.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung klinischer Verhaltensberater zeigte, dass die praktische Differenzierung beider Zustände keineswegs trivial ist und Beurteilungen anfällig für intuitive beziehungsweise zirkuläre Schlussfolgerungen sein können.[3]

Hypothesengeleitete Diagnostik

Statt einer einzigen schnellen Erklärung sollten konkurrierende Hypothesen formuliert werden.

Beispiel:

Ein Hund bellt und zieht bei Hundesichtung.

Mögliche Hypothesen:

  1. blockierte soziale Annäherung;
  2. Angst und gewünschte Distanzvergrößerung;
  3. aggressive Motivation;
  4. gemischter Konflikt;
  5. erlerntes Verhalten;
  6. unterschiedliche Motivation je nach Gegenüber.

Funktionale Analyse

Eine ABC-Betrachtung kann helfen:

A – Antezedenz

Was geschieht unmittelbar vorher?

B – Behaviour

Was tut der Hund konkret?

C – Consequence

Was geschieht unmittelbar danach?

Medizinische Differenzialdiagnostik

Verhaltensveränderungen können beeinflusst werden durch:

  • Schmerzen;
  • neurologische Erkrankungen;
  • endokrine Erkrankungen;
  • sensorische Einschränkungen;
  • Schlafprobleme;
  • Medikamente.

Schmerz

Schmerz kann:

  • Reizschwellen senken;
  • Berührungstoleranz verändern;
  • Ruhe beeinträchtigen;
  • aggressive Reaktionen beeinflussen.

Management

Management reduziert die Wahrscheinlichkeit unkontrollierter schwieriger Situationen.

Beispiele:

  • Distanz;
  • Sichtschutz;
  • geeignete Wege;
  • räumliche Trennung;
  • Tagesplanung.

Management ist kein Gegensatz zu Training.

Reaktive Hunde als heterogene Gruppe

Unter der Bezeichnung „reaktiver Hund“ können unterschiedliche Verhaltensprofile zusammengefasst werden.

Daher sollte die Bezeichnung nicht als Diagnose verwendet werden.

Grenzen der Forschung und offene Fragen

Konstruktproblem

Begriffe wie:

werden in Studien nicht immer einheitlich verwendet.

Unterschiedliche Testaufgaben

Ein Detour-Test und ein Delay-of-Gratification-Test können beide als Inhibitionstest bezeichnet werden, obwohl sie unterschiedliche Anforderungen besitzen.

Fragebogen versus Verhaltenstest

Fragebögen erfassen Verhalten über viele Alltagssituationen hinweg.

Sie sind jedoch abhängig von:

  • Wahrnehmung;
  • Erinnerung;
  • Interpretation des Halters.

Verhaltenstest versus Alltag

Laborbedingungen sind standardisierter.

Dafür bilden sie den Alltag nur teilweise ab.

Physiologie

Kein einzelner physiologischer Marker bildet emotionale Zustände vollständig ab.

Generalisierung

Es fehlen weiterhin umfangreiche Untersuchungen dazu, in welchem Umfang spezifisches Inhibitionstraining auf andere Motivationsbereiche übertragen wird.

Langzeiteffekte

Viele Studien untersuchen relativ kurze Zeiträume.

Langfristige Trainingsverläufe sind deutlich schlechter erforscht.

Individuelle Unterschiede

Die große individuelle Variation ist kein statistisches Störgeräusch, sondern ein zentraler Forschungsgegenstand.

Resilienz

Die Erforschung von Resilienz bei Haushunden befindet sich im Vergleich zur Forschung beim Menschen noch in einem frühen Stadium.

Recovery Time

Erholungsfähigkeit erscheint praktisch hoch relevant, ist aber in vielen Trainingsstudien kein primärer Endpunkt.

Reaktivität

Weitere Forschung ist erforderlich, um unterschiedliche funktionale Untergruppen sogenannter reaktiver Hunde besser zu charakterisieren.

Interventionen

Besonders fehlen:

  • große kontrollierte Trainingsstudien;
  • klare Operationalisierung der Intervention;
  • objektive Outcome-Maße;
  • langfristige Follow-ups;
  • Überprüfung der Generalisierung.

Befund, Interpretation und Trainingsableitung

Ein wiederkehrendes methodisches Problem besteht darin, aus einem experimentellen Befund unmittelbar eine konkrete Trainingsanweisung abzuleiten. Drei Ebenen sollten getrennt werden:

  1. Befund: Was wurde unter den Bedingungen der Studie tatsächlich beobachtet?
  2. Interpretation: Welcher Mechanismus ist mit dem Befund vereinbar?
  3. Trainingsableitung: Welche praktische Vorgehensweise erscheint aufgrund des Mechanismus sinnvoll?

Beispiel: Wenn Hunde in einer Delay-of-Gratification-Aufgabe häufiger erfolgreich warten, wenn sie von der Belohnung wegsehen, ist der direkte Befund zunächst eine Assoziation innerhalb dieser Aufgabe.[4] Die Interpretation, dass visuelle Abwendung die Salienz beziehungsweise konkurrierende Annäherung reduzieren kann, ist plausibel. Die praktische Empfehlung, einem Hund in allen hoch erregenden Alltagssituationen grundsätzlich das Wegsehen zu erlauben oder zu verstärken, ist dagegen bereits eine Generalisierung und muss im jeweiligen Kontext überprüft werden.

Diese Trennung verhindert, dass Laborergebnisse zu vermeintlich universellen Trainingsregeln überhöht werden.

  1. Dennis Wormald, Andrew J. Lawrence, Gabrielle Carter, Andrew D. Fisher (2017): Reduced heart rate variability in pet dogs affected by anxiety-related behaviour problems. Physiology & Behavior 168:122–127. doi:10.1016/j.physbeh.2016.11.003
  2. Sally Dickinson, Erica N. Feuerbacher (2025): Frustration and its impact on search and rescue canines. Frontiers in Veterinary Science 12:1546412. doi:10.3389/fvets.2025.1546412
  3. Beverley M. Wilson, Carl D. Soulsbury, Daniel S. Mills (2024): Problem Behaviours and Relinquishment: Challenges Faced by Clinical Animal Behaviourists When Assessing Fear and Frustration. Animals 14:2718. doi:10.3390/ani14182718
  4. Désirée Brucks, Matteo Soliani, Friederike Range, Sarah Marshall-Pescini (2017): Reward type and behavioural patterns predict dogs’ success in a delay of gratification paradigm. Scientific Reports 7:42459. doi:10.1038/srep42459