Stresssystem

Aus wiki.hundekultur-services.de

Das Stresssystem umfasst mehrere miteinander gekoppelte körperliche und neuronale Regulationssysteme, mit denen ein Organismus auf Anforderungen oder Bedrohungen reagiert. Beim Hund gehören dazu besonders das autonome Nervensystem mit der sympathisch-adrenomedullären Reaktion (SAM) und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse). Eine Stressreaktion ist zunächst eine Anpassungsleistung und nicht automatisch schädlich.

Akute Stressreaktion

Bei einer als relevant bewerteten Belastung können sehr schnell sympathische Prozesse aktiviert werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin,
  • erhöhte Herz- und Atemfrequenz,
  • veränderte Durchblutung und Muskelbereitschaft,
  • erhöhte Wachsamkeit und Aufmerksamkeitsverschiebung.

Parallel bzw. zeitlich etwas langsamer kann die HPA-Achse aktiviert werden. Über CRH und ACTH wird die Freisetzung von Glukokortikoiden, beim Hund insbesondere Cortisol, reguliert. SAM- und HPA-System wirken zusammen, sind aber nicht identisch.[1]

Anpassung statt starres Phasenmodell

Historisch wurde Stress häufig über Selyes Modell aus Alarm-, Widerstands- und Erschöpfungsphase beschrieben. Dieses Modell ist als historische Vereinfachung nützlich, bildet die heutige Sicht auf Stressregulation aber nicht als zwingende, bei jedem Individuum gleich ablaufende Reihenfolge ab.

Stressreaktionen hängen unter anderem ab von:

  • Art, Intensität und Dauer des Stressors,
  • Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit,
  • Vorerfahrung und Lernhistorie,
  • körperlicher Gesundheit und Schmerz,
  • Erholungsmöglichkeiten,
  • individuellen Unterschieden.

Länger anhaltende Belastung

Kurzfristige Aktivierung kann funktional sein. Problematisch kann eine wiederholte oder anhaltende Belastung werden, wenn Regulation und Erholung nicht ausreichen. Dann können sich Verhalten, Schlaf, Stoffwechsel, Immunfunktion und andere physiologische Prozesse verändern. Der Begriff allostatische Last beschreibt die kumulative Beanspruchung, die aus wiederholter Anpassung entstehen kann.[2]

Ein dauerhaft „hoher Cortisolspiegel“ ist dabei keine notwendige oder ausreichende Definition chronischen Stresses. HPA-Aktivität kann sich je nach Dauer, Situation und Individuum unterschiedlich verändern.

Erholung und Regulation

Nach einer Belastung ist die Rückkehr zu einem regulierten Zustand ein wesentlicher Teil des Systems. Unterstützend wirken je nach Hund:

  • ausreichend Schlaf und ungestörte Ruhe,
  • sichere und vorhersagbare Umweltbedingungen,
  • angemessene Distanz zu belastenden Reizen,
  • bedarfsgerechte Bewegung und Beschäftigung,
  • soziale Sicherheit,
  • Lernbedingungen, in denen der Hund erfolgreich handeln kann.

Erholung bedeutet nicht, dass jede Aktivierung vermieden werden muss. Entscheidend sind Dosis, Bewältigbarkeit und ausreichende Regenerationsphasen.

Messung von Stress

Cortisol kann in Blut, Speichel, Urin, Kot oder Haar untersucht werden. Einzelmessungen sind jedoch kontextabhängig und bilden nur einen Teil der Stressreaktion ab. Bei Speichelcortisol beeinflussen unter anderem Probenahme, Zeitpunkt, Umgebung und individuelle Unterschiede die Interpretation. Verhaltensbeobachtung und physiologische Messungen sollten deshalb möglichst gemeinsam betrachtet werden.[3]

Bedeutung für Training und Verhalten

Für die Praxis ist relevant:

  • starke Erregung kann Wahrnehmung und Lernleistung verändern,
  • Verhalten ist nicht allein aus einem Cortisolwert ableitbar,
  • wiederholte Überforderung sollte von gezielter, kontrollierter Lernexposition unterschieden werden,
  • Schmerz und medizinische Ursachen müssen bei auffälligen Verhaltensänderungen berücksichtigt werden,
  • Management und Erholung sind ebenso wichtig wie aktives Training.

Stress erklärt Aggressionsverhalten oder anderes Problemverhalten nicht monokausal. Aggression kann in belastenden Situationen auftreten, ist aber von Motivation, Kontext, Lerngeschichte, Gesundheit und weiteren Faktoren abhängig.

Siehe auch

Literatur und Quellen

  • Selye, H. (1956): The Stress of Life – historisches Stressmodell.