Östrogen
Östrogene sind Steroidhormone mit wichtigen Funktionen in Fortpflanzung, Gewebeentwicklung und Stoffwechsel. Bei Hündinnen entstehen sie vor allem in den Eierstöcken, in kleineren Mengen aber auch in anderen Geweben. Verhalten kann sich im Verlauf des Sexualzyklus verändern; daraus lässt sich jedoch kein einzelner „Östrogeneffekt“ für komplexe Verhaltensweisen ableiten.
Östrogen bei Hunden
Produktion und Funktion
Östrogene sind unter anderem beteiligt an:
- Entwicklung und Funktion der weiblichen Geschlechtsorgane,
- Veränderungen des Genitaltrakts während des Zyklus,
- Rückkopplung innerhalb der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse,
- zahlreichen Effekten auf Haut, Knochen und weitere Gewebe.
Östrogene und der Sexualzyklus
Der Zyklus der Hündin wird meist in Proöstrus, Östrus, Diöstrus/Metöstrus und Anöstrus gegliedert. Östrogenkonzentrationen verändern sich vor und während der Brunst, während Progesteron bereits um die Ovulation ansteigt und den Diöstrus prägt. Die Dauer einzelner Phasen variiert zwischen Hündinnen; starre Tagesangaben sind nur Orientierungswerte.
Hormonelle Störungen im Zusammenhang mit Östrogen
Hyperöstrogenismus kann unter anderem durch hormonaktive Tumoren entstehen. Bei Rüden sind Sertoli-Zelltumoren eine wichtige Ursache; auch hormonaktive Ovarialtumoren können bei Hündinnen relevant sein. Mögliche klinische Zeichen umfassen symmetrische Alopezie, Veränderungen der Geschlechtsorgane, Feminisierung bei Rüden beziehungsweise anhaltende Zyklusveränderungen bei Hündinnen und bei ausgeprägter Östrogenwirkung auch Knochenmarksschädigung.[1]
Der Begriff Hypoöstrogenismus sollte nicht als Standarderklärung für unspezifische Müdigkeit, „Libidoverlust“ oder Verhalten nach Kastration verwendet werden. Nach Ovariektomie sinkt die ovarielle Östrogenproduktion erwartungsgemäß; mögliche Langzeitfolgen wie ein erhöhtes Risiko einer Harninkontinenz werden populations- und risikofaktorbezogen beurteilt.
Scheinträchtigkeit entsteht nicht aus einem einfachen Östrogenmangel. Sie ist mit der normalen Lutealphase und dem anschließenden Progesteronabfall sowie prolaktinbezogenen Prozessen verknüpft und kann Nestbau, Bemuttern von Objekten oder Milchbildung umfassen.
Pyometra ist eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung des Uterus, deren Entstehung im hormonell geprägten Diöstrus begünstigt wird. Sie ist keine reine „Östrogenerkrankung“ und erfordert tierärztliche Behandlung.
Einfluss von Östrogen auf das Verhalten
Während Läufigkeit oder Scheinträchtigkeit können sich Aktivität, Kontaktverhalten, Sexualverhalten oder Reaktionen auf andere Hunde verändern. Die Ausprägung ist individuell. Aggression, Angst oder „Antrieb“ lassen sich nicht zuverlässig aus dem Östrogenspiegel ableiten.
Kastration und Östrogenproduktion
Nach Entfernung der Eierstöcke sinkt die ovarielle Produktion von Östrogen und Progesteron. Damit entfallen Zyklus und Fortpflanzungsfähigkeit. Zu den möglichen langfristigen Folgen einer Gonadektomie gehören – abhängig von Individuum, Alter, Rasse und Eingriffszeitpunkt – Veränderungen des Energiebedarfs und bei Hündinnen ein erhöhtes Risiko für Harninkontinenz; auch Fellveränderungen werden bei einzelnen Hunden beobachtet. Solche Folgen dürfen nicht pauschal als „Östrogenmangel-Syndrom“ zusammengefasst werden. Verhaltensfolgen sind ebenfalls nicht zuverlässig vorherzusagen.[2]
Fazit
Östrogene sind zentrale Fortpflanzungs- und Regulationshormone. Für die Verhaltenspraxis ist eine kontextbezogene Einordnung sinnvoll; unspezifische Auffälligkeiten sind keine Diagnose eines Östrogenmangels oder -überschusses.
