Aufmerksamkeitsforderndes Verhalten
Als aufmerksamkeitsforderndes Verhalten werden Handlungen bezeichnet, mit denen ein Hund Reaktionen eines Menschen oder anderen Sozialpartners auslöst oder zu erhalten versucht. Dazu können Anstupsen, Pföteln, Kratzen, Bellen, Winseln, körperliches Bedrängen oder wiederholtes Aufsuchen gehören.
Solches Verhalten ist nicht grundsätzlich problematisch. Für die Beurteilung sind Häufigkeit, Intensität, Kontext, mögliche Bedürfnisse, gesundheitliche Faktoren und die tatsächlichen Konsequenzen des Verhaltens wichtig.
Funktionale Analyse
Aufmerksamkeit kann für einen Hund ein Verstärker sein. Ob eine menschliche Reaktion ein Verhalten tatsächlich verstärkt, lässt sich aber nicht allein aus der Absicht des Menschen ableiten. Verstärkung liegt funktional erst dann vor, wenn eine Konsequenz die zukünftige Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens erhöht.
Mögliche Konsequenzen sind beispielsweise:
- Blickkontakt oder Ansprache,
- Berührung oder Spiel,
- Zugang zu Futter, Tür, Spaziergang oder anderer Aktivität,
- Veränderung räumlicher Nähe.
Schimpfen oder Wegstoßen ist deshalb nicht automatisch „negative Verstärkung“. Negative Verstärkung bedeutet in der Lerntheorie, dass durch ein Verhalten etwas Aversives entfernt oder vermieden wird und das Verhalten dadurch häufiger wird. Negative Aufmerksamkeit kann je nach Hund trotzdem als soziale Konsequenz wirken, muss aber funktional geprüft werden.
Andere mögliche Ursachen
Nicht jedes häufige Kontaktverhalten ist ausschließlich gelerntes „Aufmerksamkeitfordern“. Zu prüfen sind unter anderem:
- Toiletten-, Bewegungs- oder Ruhebedürfnis,
- Schmerz, Juckreiz oder anderes körperliches Unwohlsein,
- Angst oder Unsicherheit,
- Frustration,
- mangelnde Möglichkeit zu Rückzug oder Beschäftigung,
- erlernte Erwartungen an bestimmte Tagesabläufe.
Management und Training
Erwünschte Kontaktaufnahme verstärken
Statt jede Initiative des Hundes zu unterdrücken, kann ein klar definiertes, sozial akzeptables Kontaktverhalten aufgebaut werden. Beispiele sind ruhiges Herankommen, Warten auf einer Matte oder eine andere leicht erkennbare Alternative.
Unbeabsichtigte Verstärkung prüfen
Wenn ein bestimmtes Verhalten regelmäßig unmittelbar zu einer gewünschten Konsequenz führt, kann die Kontingenz verändert werden. Dabei sollte nicht nur das störende Verhalten ausbleiben, sondern ein alternatives Verhalten tatsächlich verfügbar und lohnend sein.
Ignorieren nicht pauschal einsetzen
Ignorieren kann bei rein aufmerksamkeitsverstärktem Verhalten Bestandteil eines Plans sein. Es ist ungeeignet, wenn ein körperliches, emotionales oder sicherheitsrelevantes Bedürfnis übersehen würde. Wird eine bisherige Verstärkung plötzlich entzogen, können vorübergehend Intensität oder Variabilität des Verhaltens steigen; dieser Verlauf ist nicht bei jedem Hund gleich.
Abgrenzung zu trainierter Orientierung
Freiwillige Check-ins, Namenstraining, Aufmerksamkeitssignale und Fokusspiele werden gezielt verstärkt. Das ist kein Widerspruch: Entscheidend ist, welches konkrete Verhalten in welchem Kontext gewünscht und verstärkt wird.
Fazit
Aufmerksamkeitsforderndes Verhalten sollte funktional statt moralisch bewertet werden. Nicht jede menschliche Reaktion ist automatisch ein Verstärker, und nicht jedes Kontaktverhalten ist ein Trainingsproblem. Ein guter Plan unterscheidet Bedürfnisse, Auslöser, Konsequenzen und erwünschte Alternativen.
