Diskriminativer Reiz
```mediawiki Diskriminativer Reiz (engl. discriminative stimulus, häufig abgekürzt als SD) bezeichnet in der operanten Konditionierung einen Reiz, der signalisiert, dass ein bestimmtes Verhalten unter den aktuellen Bedingungen wahrscheinlich zu einer bestimmten Konsequenz führt.
Ein diskriminativer Reiz löst das Verhalten nicht automatisch aus. Er erhöht vielmehr die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens, weil der Organismus gelernt hat, dass dieses Verhalten in Anwesenheit dieses Reizes in der Vergangenheit verstärkt wurde.
Grundprinzip
Das Grundschema lautet:
SD → Verhalten → Konsequenz
Beispiel aus dem Hundetraining:
Signal „Sitz“ → Hund setzt sich → Futter
Wenn das Hinsetzen nach dem Signal „Sitz“ wiederholt verstärkt wurde, kann das Signal zu einem diskriminativen Reiz für das Hinsetzen werden.
Der Hund lernt:
„Wenn dieses Signal vorhanden ist und ich mich hinsetze, ist Verstärkung verfügbar.“
Das Signal zwingt den Hund nicht zum Hinsetzen. Es informiert ihn darüber, dass dieses Verhalten unter diesen Bedingungen wahrscheinlich erfolgreich sein wird.
Entstehung eines diskriminativen Reizes
Ein ursprünglich neutraler Reiz kann durch Lernerfahrung zu einem diskriminativen Reiz werden.
Beispiel:
Zu Beginn hat das Wort „Sitz“ für einen Hund keine besondere Bedeutung.
Im Training geschieht wiederholt:
- Mensch sagt „Sitz“.
- Hund setzt sich.
- Der Hund erhält eine Verstärkung, beispielsweise Futter.
Mit zunehmender Lernerfahrung wird das Signal „Sitz“ zu einem Hinweis darauf, dass das Verhalten „Hinsetzen“ unter diesen Bedingungen verstärkt werden kann.
Entscheidend ist dabei nicht das Wort selbst, sondern die Lerngeschichte des Hundes.
Grundsätzlich könnte auch ein anderes Signal dieselbe Funktion übernehmen, beispielsweise:
- ein Handzeichen
- ein Pfiff
- eine Körperbewegung
- ein Lichtsignal
- ein bestimmter Gegenstand
Diskriminativer Reiz und Reizkontrolle
Ein Verhalten steht unter Reizkontrolle, wenn bestimmte Reize zuverlässig beeinflussen, wann das Verhalten gezeigt wird.
Eine gute Reizkontrolle liegt beispielsweise vor, wenn ein Hund:
- sich nach dem Signal „Sitz“ zuverlässig hinsetzt,
- sich bei anderen Signalen nicht automatisch hinsetzt,
- das Verhalten auch bei unterschiedlichen Umweltbedingungen zeigen kann,
- auf das relevante Signal und nicht auf unbeabsichtigte Hilfen des Menschen reagiert.
Das Ziel eines sauber aufgebauten Signals besteht daher nicht nur darin, dass der Hund das Verhalten überhaupt zeigt.
Der Hund soll lernen:
Welches Verhalten ist bei welchem Signal gefragt?
SD und SΔ
Dem diskriminativen Reiz SD kann ein sogenannter SΔ gegenübergestellt werden.
Ein SD signalisiert, dass Verstärkung für ein bestimmtes Verhalten verfügbar ist.
Ein SΔ signalisiert dagegen, dass dieses Verhalten unter den aktuellen Bedingungen nicht verstärkt wird.
Beispiel:
Ein Hund kennt die Signale „Sitz“ und „Platz“.
Beim Signal „Sitz“ wird das Hinsetzen verstärkt.
Beim Signal „Platz“ wird das Hinsetzen dagegen nicht verstärkt, sondern das Hinlegen.
Für das Verhalten „Hinsetzen“ kann daher gelten:
- „Sitz“ = SD
- „Platz“ = SΔ
Durch diese unterschiedlichen Konsequenzen lernt der Hund, zwischen den Signalen zu unterscheiden.
Dieser Lernprozess wird als Reizdiskrimination bezeichnet.
Reizdiskrimination
Bei der Reizdiskrimination lernt ein Hund, auf verschiedene Reize unterschiedlich zu reagieren.
Beispiel:
- „Sitz“ → hinsetzen
- „Platz“ → hinlegen
- „Steh“ → stehen bleiben
Damit diese Unterscheidung entsteht, müssen die unterschiedlichen Reaktionen möglichst eindeutig und konsistent verstärkt werden.
Werden verschiedene Signale unsystematisch verwendet oder mehrere Verhaltensweisen nach demselben Signal verstärkt, kann die Reizkontrolle unklar werden.
Reizgeneralisation
Das Gegenstück zur Reizdiskrimination ist die Reizgeneralisation.
Dabei reagiert ein Hund auch auf Reize, die dem ursprünglich gelernten Signal ähnlich sind.
Beispiel:
Ein Hund wurde auf das Wort „Sitz“ trainiert und reagiert möglicherweise zunächst auch auf ähnlich klingende Wörter oder auf eine bestimmte Körperbewegung des Menschen.
Generalisation kann erwünscht oder unerwünscht sein.
Erwünscht ist beispielsweise, dass ein Hund das Signal „Sitz“ unabhängig davon versteht, ob:
- er zu Hause ist,
- er auf einem Trainingsplatz steht,
- andere Hunde anwesend sind,
- der Mensch sitzt oder steht.
Unerwünscht kann Generalisation sein, wenn der Hund auf ähnliche, aber nicht gemeinte Signale reagiert.
Training besteht deshalb häufig aus einem Zusammenspiel von:
- Generalisation – das Verhalten funktioniert in unterschiedlichen Situationen
- Diskrimination – der Hund unterscheidet relevante von irrelevanten Signalen
Diskriminativer Reiz ist kein „Befehl“
Im Alltag werden Signale im Hundetraining häufig als Kommandos oder Befehle bezeichnet.
Aus lerntheoretischer Sicht ist diese Vorstellung jedoch ungenau.
Ein diskriminativer Reiz bedeutet nicht:
„Du musst dieses Verhalten jetzt ausführen.“
Sondern eher:
„Wenn du dieses Verhalten jetzt zeigst, ist unter diesen Bedingungen eine bestimmte Konsequenz zu erwarten.“
Ob der Hund das Verhalten tatsächlich zeigt, hängt zusätzlich von weiteren Faktoren ab, beispielsweise:
- Trainingsstand
- Motivation
- Ablenkung
- Stress
- Angst
- Erregungsniveau
- körperlichem Zustand
- Qualität und Wert der verfügbaren Konsequenz
- bisheriger Lerngeschichte
Diskriminativer Reiz und motivierende Operation
Ein diskriminativer Reiz darf nicht mit einer motivierenden Operation verwechselt werden.
Beide können vor einem Verhalten auftreten, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen.
Beispiel:
Ein Hund hat mehrere Stunden nichts gefressen und erhält das Signal „Sitz“.
- Hunger kann den Wert von Futter erhöhen.
- „Sitz“ signalisiert, dass das Hinsetzen zu Futter führen kann.
- Hinsetzen ist das Verhalten.
- Futter ist die Konsequenz.
Der Hunger verändert also hauptsächlich den Wert des Verstärkers.
Das Signal „Sitz“ informiert dagegen darüber, wann Verstärkung für ein bestimmtes Verhalten verfügbar ist.
Diskriminativer Reiz und klassisch konditionierter Reiz
Ein diskriminativer Reiz gehört grundsätzlich zur operanten Konditionierung.
Davon zu unterscheiden sind Reize der klassischen Konditionierung.
Bei der klassischen Konditionierung kündigt ein Reiz einen anderen Reiz oder ein Ereignis an und kann dadurch beispielsweise emotionale oder körperliche Reaktionen hervorrufen.
Bei der operanten Konditionierung signalisiert ein diskriminativer Reiz dagegen die Beziehung zwischen:
Situation → Verhalten → Konsequenz
In der Praxis können beide Lernprozesse gleichzeitig stattfinden.
Beispiel:
Ein bestimmter Trainingsplatz kann für einen Hund:
- emotional positiv besetzt sein, weil dort häufig angenehme Dinge passieren, und
- gleichzeitig als Hinweis darauf dienen, dass bestimmte trainierte Verhaltensweisen dort verstärkt werden.
Beispiele aus dem Hundetraining
Rückruf
Rückrufsignal → Hund läuft zum Menschen → Verstärkung
Wurde das Zurückkommen nach einem bestimmten Signal häufig verstärkt, kann das Rückrufsignal zu einem diskriminativen Reiz für das Herankommen werden.
Deckentraining
Signal „Decke“ → Hund geht auf seine Decke → Verstärkung
Das Wort „Decke“, eine Handbewegung oder möglicherweise auch die sichtbare Decke selbst können diskriminative Funktionen übernehmen.
Leinenführigkeit
Auch Umweltbedingungen können diskriminative Funktionen entwickeln.
Ein Hund kann beispielsweise lernen:
Leine locker → Weitergehen
und
Leine gespannt → Vorwärtsbewegung stoppt
Dadurch werden bestimmte Umweltinformationen relevant für sein Verhalten.
Türklingel
Auch unbeabsichtigt können diskriminative Reize entstehen.
Beispiel:
Türklingel → Hund läuft zur Tür → Besucher erscheint
Wenn dieser Ablauf häufig auftritt, kann die Türklingel zuverlässig bestimmte Verhaltensweisen ankündigen.
Die Klingel wurde dabei nicht bewusst als Trainingssignal aufgebaut.
Unbeabsichtigte diskriminative Reize
Hunde lernen häufig wesentlich mehr Reize zu beachten, als Menschen bewusst wahrnehmen.
Beispielsweise kann ein Hund lernen:
- eine bestimmte Futtertasche bedeutet Training,
- bestimmte Schuhe bedeuten Spaziergang,
- das Aufnehmen der Leine bedeutet Verlassen des Hauses,
- eine bestimmte Körperhaltung bedeutet, dass gleich ein Signal folgt,
- eine Bewegung der Hand bedeutet, dass Futter verfügbar ist.
Dadurch kann es passieren, dass nicht das geplante verbale Signal die Kontrolle über das Verhalten übernimmt, sondern ein unbeabsichtigter zusätzlicher Reiz.
Beispiel:
Der Mensch sagt „Sitz“ und hebt gleichzeitig immer die Hand.
Der Hund reagiert zuverlässig.
Wird später nur „Sitz“ gesagt und die Hand bleibt ruhig, reagiert der Hund möglicherweise nicht.
In diesem Fall stand das Verhalten möglicherweise stärker unter Kontrolle des Handzeichens als unter Kontrolle des Wortsignals.
Überschattung von Signalen
Werden mehrere neue Signale gleichzeitig präsentiert, kann eines dieser Signale die Kontrolle über das Verhalten stärker übernehmen als ein anderes.
Dies kann beispielsweise geschehen, wenn gleichzeitig:
- ein Wortsignal gegeben,
- die Hand bewegt,
- der Oberkörper nach vorne gebeugt und
- Futter sichtbar gehalten wird.
Der Hund muss nicht lernen, dass das Wortsignal entscheidend ist.
Möglicherweise orientiert er sich stattdessen hauptsächlich an der Körperbewegung oder am sichtbaren Futter.
Für sauberes Signaltraining sollten deshalb unbeabsichtigte Hilfen schrittweise reduziert werden.
Aufbau eines Signals im Training
Ein neues Signal wird normalerweise nicht dadurch gelernt, dass es immer wieder gesagt wird.
Zunächst muss das gewünschte Verhalten zuverlässig erzeugt oder angeboten werden.
Ein vereinfachter Trainingsaufbau kann sein:
- gewünschtes Verhalten aufbauen
- Verhalten zuverlässig verstärken
- Signal kurz vor dem erwarteten Verhalten präsentieren
- Verhalten nach dem Signal verstärken
- unnötige Hilfen abbauen
- Signal unter unterschiedlichen Bedingungen trainieren
- ähnliche Signale voneinander unterscheiden
- Verhalten schrittweise generalisieren
Mit zunehmendem Training übernimmt das Signal immer stärker die Kontrolle über das Verhalten.
Typische Fehler im Signaltraining
Signal mehrfach wiederholen
Beispiel:
„Sitz – Sitz – Sitz – Siiitz!“
Dadurch kann der Hund lernen, dass nicht das erste Signal relevant ist, sondern erst mehrere Wiederholungen.
Signal geben, obwohl Verhalten unwahrscheinlich ist
Wird ein Signal häufig in Situationen gegeben, in denen der Hund das Verhalten nicht ausführt, verliert es unter Umständen an Zuverlässigkeit.
Verhalten nach dem Signal nicht konsequent verstärken
Besonders während des Aufbaus sollte klar sein, welches Verhalten auf welches Signal folgt.
Unbeabsichtigte Körpersignale
Der Hund reagiert möglicherweise auf:
- Handbewegungen
- Kopfbewegungen
- Blickrichtung
- Körperhaltung
- Griff zur Futtertasche
anstatt auf das geplante Signal.
Zu schnelle Steigerung der Ablenkung
Ein Verhalten, das im Wohnzimmer funktioniert, steht nicht automatisch unter zuverlässiger Reizkontrolle in Anwesenheit anderer Hunde.
Reizkontrolle muss schrittweise auf unterschiedliche Situationen übertragen werden.
Bedeutung für die Verhaltensanalyse
Diskriminative Reize sind auch bei der Analyse von Problemverhalten relevant.
Ein Hund kann lernen, dass ein bestimmtes Verhalten nur unter bestimmten Bedingungen erfolgreich ist.
Beispiel:
Hund erscheint in geringer Distanz → eigener Hund bellt → anderer Hund entfernt sich
Wenn dieser Ablauf wiederholt auftritt, können bestimmte Merkmale anderer Hunde oder bestimmter Begegnungssituationen diskriminative Funktionen übernehmen.
Für eine vollständige funktionale Analyse reicht es jedoch nicht aus, lediglich den vorausgehenden Reiz zu bestimmen.
Zusätzlich müssen betrachtet werden:
- das konkrete Verhalten,
- die Konsequenzen des Verhaltens,
- die Lerngeschichte,
- motivierende Bedingungen,
- Kontextfaktoren.
Dies entspricht der ABC-Analyse:
Antezedens → Verhalten → Konsequenz
Merksatz
Ein diskriminativer Reiz sagt nicht: „Mach dieses Verhalten.“
Er signalisiert:
„Unter diesen Bedingungen kann sich dieses Verhalten lohnen.“
Siehe auch
- Antezedenzien
- ABC-Analyse
- Operante Konditionierung
- Reizkontrolle
- Reizdiskrimination
- Reizgeneralisation
- Motivierende Operation
- Verstärker
- Verstärkung
- Verhalten
- Funktionale Verhaltensanalyse
Literatur
- Skinner, B. F. (1938). The Behavior of Organisms: An Experimental Analysis. New York: Appleton-Century.
- Skinner, B. F. (1953). Science and Human Behavior. New York: Macmillan.
- Pierce, W. D.; Cheney, C. D. (2017). Behavior Analysis and Learning. Routledge.
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