Stereotypien

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Stereotypien sind wiederholte, relativ gleichförmige Verhaltensabläufe, die in der jeweiligen Situation keine offensichtliche Funktion erkennen lassen. Bei Hunden gehören sie zum Spektrum abnormaler repetitiver Verhaltensweisen. Dazu zählen neben Stereotypien auch stressbedingte Übersprungs- oder Verschiebungsverhalten und klinisch relevante zwanghafte bzw. kompulsive Verhaltensstörungen.[1]

Beispiele

Mögliche repetitive Verhaltensweisen sind:

  • Kreislaufen oder wiederholtes Hin- und Herlaufen,
  • Schwanzjagen oder Drehen,
  • wiederholtes Lecken oder Beknabbern bestimmter Körperstellen,
  • Fixieren bzw. Jagen von Licht oder Schatten,
  • wiederholte orale oder ingestive Verhaltensweisen.

Die sichtbare Wiederholung allein beweist keine Stereotypie. Dasselbe Bewegungsmuster kann je nach Kontext durch Spiel, Schmerz, Juckreiz, neurologische Erkrankungen, Magen-Darm-Probleme oder andere Ursachen entstehen.

Charakteristik

Typisch für Stereotypien sind eine geringe Variabilität des Ablaufs und häufige Wiederholung. Sie können zunächst in Situationen mit Frustration, Konflikt, hoher Erregung oder eingeschränkten Möglichkeiten zur Ausführung normaler Verhaltensweisen auftreten. Mit zunehmender Etablierung kann das Verhalten weniger eng an den ursprünglichen Auslöser gebunden sein.

Stereotypien sind nicht einfach mit Spielverhalten gleichzusetzen. Spiel ist meist variabler, kontextabhängiger und flexibler unterbrechbar.

Entstehung und mögliche Funktionen

Abnormales repetitives Verhalten ist multifaktoriell. Mögliche Beiträge sind:

  • chronische oder wiederkehrende Frustration,
  • geringe Vorhersagbarkeit oder Kontrollierbarkeit,
  • unzureichende Möglichkeiten für artspezifisches Verhalten,
  • hohe oder anhaltende Erregung und Stress,
  • Lernerfahrungen und Verstärkung,
  • genetische Disposition bei bestimmten Verhaltensformen,
  • medizinische oder neurologische Erkrankungen.

Stereotypien können zumindest in frühen Stadien eine Form von Bewältigungsverhalten darstellen. Neurotransmittersysteme einschließlich Dopamin und Serotonin können beteiligt sein. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Verhaltensweise aufgrund einer Dopaminausschüttung „süchtig machend“ sei. Eine solche monokausale Erklärung wird der heterogenen Entstehung abnormaler repetitiver Verhaltensweisen nicht gerecht.[2]

Medizinische Differenzialdiagnostik

Die Diagnose einer kompulsiven Verhaltensstörung ist eine Ausschlussdiagnose. Vor einer rein verhaltenstherapeutischen Einordnung müssen mögliche körperliche Ursachen berücksichtigt werden.[3]

Je nach Verhalten kommen beispielsweise infrage:

  • dermatologische Erkrankungen, Allergien, Parasiten oder Infektionen bei Lecken und Selbstmanipulation,
  • Schmerz oder Neuropathien,
  • gastrointestinale oder metabolische Erkrankungen bei Lecken, Schlucken, Pica oder „Fly biting“,
  • fokale Anfälle oder andere neurologische Ursachen,
  • ophthalmologische Probleme bei lichtbezogenem Verhalten.

Plötzlich neu auftretende, sehr intensive, selbstverletzende oder neurologisch auffällige repetitive Verhaltensweisen sollten tierärztlich abgeklärt werden.

Verhaltensanalyse

Für die Einordnung sind hilfreich:

  • Videoaufnahmen,
  • genaue Beschreibung von Beginn, Dauer, Häufigkeit und Unterbrechbarkeit,
  • Auslöser und vorausgehende Situationen,
  • Tagesstruktur, Ruhezeiten und Beschäftigung,
  • Reaktionen der Bezugspersonen,
  • körperliche Befunde und Medikamente.

Nicht nur die Form, sondern auch Kontext und Funktion des Verhaltens müssen bewertet werden.

Risiken und Bewältigungsfunktion

Repetitives Verhalten kann kurzfristig mit einer Reduktion von Konflikt oder Erregung verbunden sein. Gleichzeitig können intensive Stereotypien zu Hautschäden, Verletzungen, orthopädischer Belastung oder deutlichen Einschränkungen normaler Aktivität führen. Eine vermeintliche Bewältigungsfunktion ist deshalb kein Grund, medizinische Risiken zu ignorieren.

Das Verhalten sollte nicht einfach bestraft oder abrupt unterdrückt werden, ohne Auslöser und Alternativen zu berücksichtigen. Reine Unterbrechung kann die zugrunde liegende Belastung unverändert lassen.

Management und Therapie

Die Behandlung richtet sich nach Ursache, Schweregrad und Risiko:

  • medizinische Ursachen behandeln,
  • vorhersehbare Tagesstruktur und ausreichende Erholung schaffen,
  • Möglichkeiten für bedarfsgerechte Bewegung, Exploration und Beschäftigung verbessern,
  • bekannte Auslöser soweit nötig managen,
  • funktional passende Alternativverhalten aufbauen,
  • Überforderung und unbeabsichtigte Verstärkung berücksichtigen.

Bei klinisch relevanter kompulsiver Störung können verhaltenstherapeutische Maßnahmen mit tierärztlich verordneter Pharmakotherapie kombiniert werden. Dies gehört in tierärztliche bzw. verhaltensmedizinische Betreuung.[4]

Beispiele bei anderen Tierarten

Stereotypien kommen nicht nur bei Hunden vor. Beschrieben werden unter anderem repetitives Laufen bei Zoo- und Nutztieren, Weben bei Pferden sowie repetitive orale oder selbstgerichtete Verhaltensweisen bei verschiedenen gehaltenen Tierarten. Die Ursachen und Funktionen müssen artspezifisch beurteilt werden.

Zusammenfassung

Stereotypien sind keine einfache Folge von „Langeweile“ und keine nachgewiesene Dopamin-Sucht. Sie können aus dem Zusammenspiel von Umwelt, Frustration, Stress, Lernen, genetischer Disposition und medizinischen Faktoren entstehen. Entscheidend sind eine sorgfältige Differenzialdiagnostik, die Analyse des konkreten Kontexts und ein Behandlungsplan, der Gesundheit, Umwelt, Management und Lernen gemeinsam berücksichtigt.

Quellen