Testosteron
Testosteron ist ein Androgen. Beim Rüden wird es überwiegend in den Leydig-Zellen der Hoden gebildet; kleinere Mengen entstehen auch in anderen Geweben und bei Hündinnen. Es ist an Geschlechtsentwicklung, Fortpflanzungsfunktion, Muskel- und Knochenstoffwechsel sowie an bestimmten sexualbezogenen Verhaltensweisen beteiligt.
Produktion und Funktion
Zu den physiologischen Funktionen gehören:
- Entwicklung und Erhalt männlicher Geschlechtsmerkmale,
- Unterstützung der Spermatogenese gemeinsam mit weiteren Hormonsignalen,
- Beteiligung an Muskel-, Knochen- und Stoffwechselprozessen,
- Einfluss auf Sexualverhalten und bestimmte Formen von Markier- oder Konkurrenzverhalten.
Einfluss auf das Verhalten
Testosteron ist kein allgemeines „Aggressions-“ oder „Dominanzhormon“. Aggressionsverhalten hat unterschiedliche Funktionen und Ursachen. Sexualhormone können die Wahrscheinlichkeit einzelner Verhaltensweisen verändern, besonders wenn sie direkt mit Fortpflanzung, Sexualmotivation oder Konkurrenz um Sexualpartner zusammenhängen. Lerngeschichte, Furcht, Ressourcen, Schmerz und Kontext bleiben davon unabhängig relevante Faktoren.
Bei Rüden können unter anderem Interesse an läufigen Hündinnen, Urinmarkieren, Streunen oder sexualbezogenes Aufreiten hormonell mitbeeinflusst sein. Dasselbe Verhalten kann jedoch auch andere Funktionen haben.
Veränderungen während der Pubertät
Mit der Geschlechtsreife verändern sich Hormonspiegel und Verhalten. Gleichzeitig findet eine umfassende körperliche und soziale Entwicklung statt. Vorübergehend veränderte Ansprechbarkeit, Exploration oder Konkurrenzverhalten sollte deshalb nicht als „Grenzen testen“ oder als Beweis für einen Testosteronüberschuss interpretiert werden.
Hormonelle Störungen und medizinische Aspekte
Hoden- und andere hormonaktive Tumoren können Sexualhormonprofile verändern. Klinische Zeichen können je nach Tumortyp unter anderem Haut-/Fellveränderungen, Veränderungen der Geschlechtsorgane oder andere körperliche Befunde umfassen. Ein auffälliges Verhalten allein genügt nicht zur Diagnose.
Nach Gonadektomie sinkt die gonadale Testosteronproduktion. Sexualbezogene Verhaltensweisen können dadurch abnehmen, die Effekte auf Furcht, Aggression, Erregbarkeit oder Trainierbarkeit sind dagegen uneinheitlich. Eine große Beobachtungsstudie fand keinen generellen Zusammenhang, der die pauschale Aussage „Kastration senkt Aggression“ rechtfertigt.[1]
Zeitpunkt und individuelle Risiken einer Kastration müssen zudem medizinisch beurteilt werden. Auswirkungen auf Wachstum, Körperzusammensetzung und Erkrankungsrisiken unterscheiden sich nach Alter, Rasse, Geschlecht und untersuchtem Endpunkt.
Der frühere Artikel enthielt hierzu zwei relevante Detailpunkte, die erhalten bleiben: Eine Gonadektomie vor der Pubertät kann den Schluss bestimmter Wachstumsfugen verzögern; Zusammenhänge mit orthopädischen Erkrankungen unterscheiden sich jedoch deutlich nach Rasse, Körpergröße, Geschlecht und Operationszeitpunkt. Außerdem sinkt nach Gonadektomie bei vielen Hunden der Energiebedarf, sodass Körpergewicht und Futtermenge aktiv beobachtet und angepasst werden sollten.[2]
Chemische Kastration
Bei Rüden können GnRH-Agonisten als zeitlich begrenzte pharmakologische Unterdrückung der Gonadenfunktion eingesetzt werden. Das kann in bestimmten Fällen zusätzliche Informationen für eine Kastrationsentscheidung liefern. Die Wirkung ist zeitabhängig und nicht in jeder Hinsicht mit einer chirurgischen Gonadektomie gleichzusetzen; die Anwendung gehört in tierärztliche Hände.
Testosteron bei Hündinnen
Auch Hündinnen bilden Androgene. Klinisch relevante Überschüsse sind medizinische Fragestellungen und können beispielsweise im Zusammenhang mit hormonaktiven Erkrankungen auftreten. Unspezifische Verhaltensänderungen reichen für diese Diagnose nicht aus.
Fazit
Testosteron beeinflusst die Fortpflanzungsphysiologie und kann bestimmte sexualbezogene Verhaltensweisen mitsteuern. Für komplexe Verhaltensprobleme ist es jedoch nur ein möglicher Faktor unter vielen. Kastrations- oder Therapieentscheidungen sollten nicht aus einem Etikett wie „dominant“ oder „testosterongesteuert“ abgeleitet werden.
Einzelnachweise
- ↑ Farhoody P et al.: Aggression toward Familiar People, Strangers, and Conspecifics in Gonadectomized and Intact Dogs, Frontiers in Veterinary Science, 2018. PMID 29536014. doi:10.3389/fvets.2018.00018.
- ↑ Romagnoli S et al.: WSAVA guidelines for the control of reproduction in dogs and cats, Journal of Small Animal Practice, 2024. doi:10.1111/jsap.13724.
