Latentes Lernen
Latentes Lernen bezeichnet Lernen, das sich während des Erwerbs nicht unmittelbar in der gemessenen Leistung zeigt, später unter veränderten Bedingungen aber im Verhalten sichtbar werden kann. Der Begriff ist besonders mit den klassischen Labyrinthstudien von Edward C. Tolman und Charles H. Honzik verbunden.[1]
Ursprung des Begriffs
Tolman und Honzik untersuchten Ratten in Labyrinthen mit unterschiedlichen Belohnungsbedingungen. Ein zentraler Befund war, dass Tiere, die zunächst ohne Futterbelohnung Erfahrung mit dem Labyrinth gesammelt hatten, ihre Leistung deutlich verbessern konnten, nachdem Belohnung eingeführt wurde. Die Interpretation lautete, dass während der vorherigen Exploration bereits Information erworben worden war, obwohl sie sich nicht in derselben Weise in der Leistung zeigte.[1]
Der historische Befund war wichtig für die Debatte, ob beobachtbare Leistungsänderung und Lernen identisch sind. Moderne Lerntheorien verwenden allerdings vielfältigere Erklärungsmodelle; „latent“ bedeutet nicht, dass Wissen vollständig ohne Konsequenzen, Motivation oder andere Lernprozesse entsteht.
Beispiele im Hundekontext
Mögliche Alltagsbeispiele sind:
- Ein Hund erkundet wiederholt Wege in einer Umgebung und nutzt später eine Route zielgerichtet.
- Ein Hund beobachtet regelmäßig, welche Tür in den Garten führt, ohne sie zunächst selbst zu benutzen.
- Ein Hund kennt räumliche Zusammenhänge, obwohl dies in einer vorherigen Trainingsaufgabe nicht abgefragt wurde.
Solche Beispiele sind Illustrationen. Ohne kontrolliertes Experiment lässt sich im Einzelfall nicht sicher feststellen, ob ausschließlich „latentes Lernen“ und nicht zusätzlich Verstärkung, Beobachtungslernen oder Gewohnheitsbildung beteiligt war.
Merkmale
- Erwerb und sichtbare Leistung können zeitlich auseinanderfallen.
- Motivation und aktuelle Aufgabe beeinflussen, ob vorhandene Information gezeigt wird.
- Exploration kann Informationen über räumliche oder andere Zusammenhänge liefern.
Die Aussage „Lernen erfolgt ohne Verstärkung“ ist als historische Kurzform zu grob. Entscheidend ist, dass keine für die gemessene Zielreaktion notwendige direkte Belohnung während der Erwerbsphase vorliegen muss.
Bedeutung im Hundetraining
Hunde sammeln auch außerhalb geplanter Trainingseinheiten Erfahrungen. Für die Praxis bedeutet das:
- Umweltgestaltung beeinflusst, welche Informationen verfügbar sind;
- Leistung in einem Test zeigt nicht vollständig, was ein Hund bereits gelernt hat;
- ein plötzlich sichtbar werdendes Verhalten muss nicht in diesem Moment neu gelernt worden sein;
- Generalisierung, Modelllernen und Explorationslernen sollten als mögliche Alternativerklärungen mitgedacht werden.
Ruhe und Konsolidierung
Ruhe und Schlaf können Gedächtnisprozesse unterstützen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede latente Lernerfahrung durch eine bestimmte Ruhephase automatisch „konsolidiert“ wird. Dieser Punkt gehört zur allgemeinen Gedächtnisbildung und sollte nicht als definierendes Merkmal latenten Lernens verwendet werden.
