Bellen
Bellen ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (Canis familiaris). Abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte kann Bellen unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.
Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.[1][2]
Funktionale Betrachtung
Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst entscheidend, welche Funktion das Bellen für den jeweiligen Hund in der jeweiligen Situation erfüllt.
Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:
- auslösender Reiz
- Situation und Umgebung
- Distanz zum Auslöser
- emotionaler Zustand
- Erregungsniveau
- Körpersprache
- Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
- Konsequenzen des Bellens
- bisherige Lernerfahrungen
- körperlicher und gesundheitlicher Zustand
Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.
Häufige Funktionen und Auslöser
Alarm- und Störungsbellen
Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen.
Typische Situationen sind:
- Türklingel oder Klopfen
- Personen vor dem Grundstück
- Bewegungen am Fenster
- Geräusche im Treppenhaus
- fremde Menschen oder Tiere am Zaun
In Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.[3]
Kontakt- und Trennungsbellen
Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.
Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.[4][5]
Spiel- und Sozialbellen
Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.
Im Zusammenhang mit Spiel können beispielsweise zusätzlich folgende Verhaltensweisen auftreten:
- Spielbogen
- lockere Körperbewegungen
- Rollenwechsel
- Annäherung und Rückzug
- wiederholte Spielaufforderungen
Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.[3]
Frustrations- und Barrierebellen
Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen oder eine gewünschte Handlung nicht ausführen kann.
Typische Situationen sind:
- ein Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
- ein Hund befindet sich hinter einem Zaun
- ein Hund beobachtet Menschen oder Tiere durch ein Fenster
- der Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert
Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.[2]
Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen
Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.
Folgt auf das Bellen regelmäßig eine für den Hund relevante Konsequenz, kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass das Verhalten in vergleichbaren Situationen erneut auftritt.
Mögliche Konsequenzen sind beispielsweise:
- Blickkontakt
- Ansprache
- Berührung
- Futter
- Spiel
- Öffnen einer Tür
- Zugang zu einer gewünschten Ressource
Für die Beurteilung ist deshalb nicht nur der Auslöser wichtig, sondern auch die individuelle Lerngeschichte des Hundes.
Angst- und Unsicherheitsbellen
Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.
Mögliche Auslöser sind beispielsweise:
- unbekannte Menschen
- unbekannte Hunde
- plötzlich auftretende Reize
- Feuerwerk
- Gewitter
- Haushaltsgeräusche
- ungewohnte Umgebungen
In solchen Situationen sollte nicht allein die Lautäußerung betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung, Erstarren und weitere Stressreaktionen können wichtige Informationen über den emotionalen Zustand liefern.
Akustischer Informationsgehalt des Bellens
Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.
Yin und McCowan untersuchten mehrere Tausend Belllaute von Haushunden in unterschiedlichen Situationen. Die Belllaute bildeten keine vollständig voneinander getrennten Kategorien. Stattdessen zeigten sich graduelle Unterschiede verschiedener akustischer Eigenschaften.[3]
Kontextabhängige Unterschiede
Zwischen Belllauten aus unterschiedlichen Situationen konnten statistische Unterschiede festgestellt werden.
Untersuchte Merkmale waren unter anderem:
- Frequenzeigenschaften
- Tonalität
- Frequenzmodulation
- Lautdauer
- Amplitudenvariation
Belllaute aus Störungssituationen unterschieden sich dabei im Durchschnitt von Belllauten während Isolation oder Spiel.[3]
Die Ergebnisse zeigen, dass Belllaute Informationen über den Kontext enthalten können.
Kontext und individuelle Merkmale
Bestimmte akustische Eigenschaften waren stärker mit der jeweiligen Situation verbunden, andere stärker mit dem individuellen Hund.[3]
Auch weitere Untersuchungen zeigten, dass Hunde zwischen Belllauten verschiedener Situationen und verschiedener Individuen unterscheiden können.[6]
Maschinelle Klassifikationsverfahren konnten ebenfalls Eigenschaften von Belllauten nutzen, um Situationen beziehungsweise einzelne Hunde überzufällig zu unterscheiden.[7]
Kein einfaches Bell-Wörterbuch
Aus den akustischen Unterschieden folgt nicht, dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.
Eine statistische Beziehung zwischen Kontext und Lautstruktur beweist nicht, dass einzelne Belltypen wie Wörter eine eindeutige Bedeutung besitzen.[3]
Für die praktische Interpretation sollten deshalb mehrere Informationen gemeinsam betrachtet werden:
- Situation
- Körpersprache
- vorausgehende Ereignisse
- Erregungszustand
- Verhalten nach dem Bellen
- individuelle Lerngeschichte
Pauschale Aussagen wie „ein tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ lassen sich daraus nicht ableiten.
Wahrnehmung durch Menschen
Menschen können aus akustischen Eigenschaften von Lautäußerungen Informationen über emotionale Qualität und Intensität ableiten.
Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen teilweise ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung von Valenz und Intensität verwenden.[8]
Auch daraus lässt sich jedoch keine zuverlässige Übersetzung eines einzelnen Belllautes unabhängig vom situativen Kontext ableiten.
Hund und Wolf
Haushunde bellen häufiger und in mehr Situationen als Wölfe.
Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.
Als mögliche Erklärungen für die ausgeprägtere Verwendung des Bellens beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse und Veränderungen der sozialen Umwelt diskutiert.[2][1]
Verhaltensanalyse vor dem Training
Vor Beginn eines Trainings sollte möglichst geklärt werden, unter welchen Bedingungen das Bellverhalten auftritt und wodurch es möglicherweise aufrechterhalten wird.
Hilfreiche Fragen sind:
- Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?
- Welcher Reiz ist vorhanden?
- Welche Distanz besteht zum Auslöser?
- Wie sieht die Körpersprache aus?
- Wie hoch ist das Erregungsniveau?
- Kann der Hund noch Futter annehmen?
- Kann der Hund bekannte Verhaltensweisen zeigen?
- Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?
- Entfernt sich der Auslöser?
- Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu einer Ressource?
- Wie lange benötigt der Hund, um anschließend wieder zur Ruhe zu kommen?
Trigger-Tagebuch
Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen.
Mögliche Beobachtungskriterien sind:
| Kriterium |
Die Dokumentation kann dabei helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche Konsequenzen des Verhaltens zu erkennen. Medizinische Ursachen und SchmerzVerhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen. Mills und Kollegen weisen darauf hin, dass Schmerzen bei verhaltensmedizinischen Problemen von Hunden eine erhebliche Rolle spielen können.[9] Die Autoren beschreiben unterschiedliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:
Plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellverhalten sollte deshalb nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden. Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:
Trennungsbezogenes VerhaltenÜbermäßige Vokalisation kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein.[4][5] Weitere mögliche Verhaltensweisen während des Alleinseins können sein:
Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden. Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit können helfen, Beginn, Verlauf und Intensität des Verhaltens zu beurteilen. In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten Halter nach einem strukturierten Verhaltenstherapieprogramm bei einem großen Teil der betroffenen Hunde Verbesserungen.[4] Bei trennungsbezogenem Bellverhalten sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, die Lautäußerung zu unterdrücken. Geräuschangst und GeräuschsensitivitätGeräuschängste können bei Haushunden zu erheblichen Stressreaktionen führen.[10][11] Mögliche Auslöser sind beispielsweise:
Mögliche Reaktionen sind:
Bei der Behandlung können abhängig vom individuellen Fall verschiedene Elemente kombiniert werden.[11] Dazu gehören beispielsweise:
Grundprinzipien des TrainingsDas Trainingsziel sollte nicht ausschließlich darin bestehen, das Bellen zu unterdrücken. Entscheidend ist vielmehr, welche Reaktion und welcher emotionale Zustand langfristig an die Stelle des bisherigen Verhaltens treten sollen. Mögliche Trainingsziele sind:
ManagementManagement reduziert Situationen, in denen problematisches Bellverhalten immer wieder ausgelöst und eingeübt wird. Mögliche Maßnahmen sind:
Management ersetzt das Training nicht, kann jedoch die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen verbessern. Reizintensität und LernfähigkeitTraining sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber weiterhin ansprechbar und lernfähig bleibt. Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:
Eine zu schnelle Steigerung kann zu hoher Erregung führen und Lernprozesse erschweren. GegenkonditionierungBei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser wiederholt eine für den Hund positive Konsequenz ankündigt. Beispiel: Klingelton → hochwertige Belohnung Der Auslöser erscheint zuerst. Anschließend folgt die positive Konsequenz. Das Ziel besteht nicht nur darin, aktuelles Bellen zu unterbrechen, sondern die Erwartung gegenüber dem Auslöser langfristig zu verändern. Systematische DesensibilisierungBei der systematischen Desensibilisierung wird ein auslösender Reiz zunächst in einer Intensität präsentiert, die der Hund bewältigen kann. Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht. Ein möglicher Aufbau bei einer Türklingel kann beispielsweise sein:
Die Schwierigkeit sollte so angepasst werden, dass der Hund möglichst weiterhin lernfähig bleibt. Alternative VerhaltensweisenStatt ausschließlich das Bellen verhindern zu wollen, können geeignete Alternativverhaltensweisen gezielt aufgebaut und verstärkt werden. Mögliche Alternativen sind:
Bellen an der HaustürTypische AuslöserMögliche Auslöser sind:
TrainingsaufbauEin möglicher Trainingsaufbau ist:
Mögliches ZielverhaltenEin mögliches alltagstaugliches Ziel kann sein: Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zum Ruheplatz gehen → wieder zur Ruhe kommen Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das einzige sinnvolle Trainingsziel sein. Bellen bei AlltagsgeräuschenBei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann das Training aus mehreren Komponenten bestehen. ManagementMögliche Maßnahmen sind:
Kontrolliertes TrainingGeräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson kontrolliert erzeugt werden. Der Reiz wird zunächst in einer Intensität präsentiert, in der der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren. Anschließend kann eine positive Konsequenz folgen. Übertragung in den AlltagNimmt der Hund ein Geräusch wahr und bleibt dabei ansprechbar, kann dieses Verhalten gezielt verstärkt werden. Mit zunehmender Sicherheit können unterschiedliche Geräusche, Intensitäten und Situationen trainiert werden. Aufmerksamkeits- und ForderungsbellenBei vermutetem Aufmerksamkeits- oder Forderungsbellen sollte zunächst untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte. Mögliche Trainingsansätze sind:
Ignorieren ist keine allgemeingültige Behandlungsmethode für Bellen. Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln. Leinen- und ZaunbellenBei Bellen im Zusammenhang mit hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst die Distanz zum Auslöser vergrößert werden. Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:
Das Training sollte möglichst beginnen, bevor das Erregungsniveau so hoch ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist. Aversive TrainingsmethodenAversive Trainingsmethoden verwenden unangenehme oder schmerzhafte Reize beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung. Vieira de Castro und Kollegen verglichen Hunde aus Hundeschulen mit unterschiedlich starkem Einsatz aversiver Trainingsmethoden.[12] Hunde aus stärker aversiv arbeitenden Trainingsgruppen zeigten unter anderem mehr stressassoziierte Verhaltensweisen. Auch Unterschiede bei physiologischen Stressparametern und in einem Cognitive-Bias-Test wurden festgestellt.[12] Ein Review von Ziv kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren mit Risiken für das Wohlbefinden von Hunden verbunden sein können.[13] Belohnungsbasierte und möglichst wenig aversive Trainingsverfahren sind deshalb aus Tierschutz- und Wohlfahrtsperspektive zu bevorzugen. Bellen und LärmbelastungIn Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen hohe Geräuschpegel entstehen. Sales und Kollegen dokumentierten in solchen Umgebungen teilweise Schalldruckpegel von mehr als 100 dB und diskutierten die Geräuschbelastung als mögliches Wohlfahrtsproblem für die untergebrachten Hunde.[14] Wann fachliche Hilfe sinnvoll istEine tierärztliche beziehungsweise verhaltensmedizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:
Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen beziehungsweise Verhaltensberater:innen sinnvoll sein. ZusammenfassungBellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen. Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute aus verschiedenen Situationen statistisch unterscheiden können. Daraus lässt sich jedoch kein einfaches „Bell-Wörterbuch“ ableiten, mit dem einzelne Belllaute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten. Für die Beurteilung sind insbesondere relevant:
Für Training und Verhaltensberatung ist daher nicht nur die Frage wichtig, wie Bellen reduziert werden kann, sondern vor allem, warum der betreffende Hund in der jeweiligen Situation bellt und welches alternative Verhalten beziehungsweise welcher alternative emotionale Zustand aufgebaut werden soll. Siehe auch
Einzelnachweise
|
|---|
