Bellen

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Bellen ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (Canis familiaris). Abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte kann Bellen unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.

Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.[1][2]

Funktionale Betrachtung

Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst entscheidend, welche Funktion das Bellen für den jeweiligen Hund in der jeweiligen Situation erfüllt.

Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • auslösender Reiz
  • Situation und Umgebung
  • Distanz zum Auslöser
  • emotionaler Zustand
  • Erregungsniveau
  • Körpersprache
  • Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
  • Konsequenzen des Bellens
  • bisherige Lernerfahrungen
  • körperlicher und gesundheitlicher Zustand

Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.

Häufige Funktionen und Auslöser

Alarm- und Störungsbellen

Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen.

Typische Situationen sind:

  • Türklingel oder Klopfen
  • Personen vor dem Grundstück
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche im Treppenhaus
  • fremde Menschen oder Tiere am Zaun

In Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.[3]

Kontakt- und Trennungsbellen

Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.

Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.[4][5]

Spiel- und Sozialbellen

Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.

Im Zusammenhang mit Spiel können beispielsweise zusätzlich folgende Verhaltensweisen auftreten:

  • Spielbogen
  • lockere Körperbewegungen
  • Rollenwechsel
  • Annäherung und Rückzug
  • wiederholte Spielaufforderungen

Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.[3]

Frustrations- und Barrierebellen

Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen oder eine gewünschte Handlung nicht ausführen kann.

Typische Situationen sind:

  • ein Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
  • ein Hund befindet sich hinter einem Zaun
  • ein Hund beobachtet Menschen oder Tiere durch ein Fenster
  • der Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert

Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.[2]

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.

Folgt auf das Bellen regelmäßig eine für den Hund relevante Konsequenz, kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass das Verhalten in vergleichbaren Situationen erneut auftritt.

Mögliche Konsequenzen sind beispielsweise:

  • Blickkontakt
  • Ansprache
  • Berührung
  • Futter
  • Spiel
  • Öffnen einer Tür
  • Zugang zu einer gewünschten Ressource

Für die Beurteilung ist deshalb nicht nur der Auslöser wichtig, sondern auch die individuelle Lerngeschichte des Hundes.

Angst- und Unsicherheitsbellen

Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • unbekannte Menschen
  • unbekannte Hunde
  • plötzlich auftretende Reize
  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Haushaltsgeräusche
  • ungewohnte Umgebungen

In solchen Situationen sollte nicht allein die Lautäußerung betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung, Erstarren und weitere Stressreaktionen können wichtige Informationen über den emotionalen Zustand liefern.

Akustischer Informationsgehalt des Bellens

Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.

Yin und McCowan untersuchten mehrere Tausend Belllaute von Haushunden in unterschiedlichen Situationen. Die Belllaute bildeten keine vollständig voneinander getrennten Kategorien. Stattdessen zeigten sich graduelle Unterschiede verschiedener akustischer Eigenschaften.[3]

Kontextabhängige Unterschiede

Zwischen Belllauten aus unterschiedlichen Situationen konnten statistische Unterschiede festgestellt werden.

Untersuchte Merkmale waren unter anderem:

  • Frequenzeigenschaften
  • Tonalität
  • Frequenzmodulation
  • Lautdauer
  • Amplitudenvariation

Belllaute aus Störungssituationen unterschieden sich dabei im Durchschnitt von Belllauten während Isolation oder Spiel.[3]

Die Ergebnisse zeigen, dass Belllaute Informationen über den Kontext enthalten können.

Kontext und individuelle Merkmale

Bestimmte akustische Eigenschaften waren stärker mit der jeweiligen Situation verbunden, andere stärker mit dem individuellen Hund.[3]

Auch weitere Untersuchungen zeigten, dass Hunde zwischen Belllauten verschiedener Situationen und verschiedener Individuen unterscheiden können.[6]

Maschinelle Klassifikationsverfahren konnten ebenfalls Eigenschaften von Belllauten nutzen, um Situationen beziehungsweise einzelne Hunde überzufällig zu unterscheiden.[7]

Kein einfaches Bell-Wörterbuch

Aus den akustischen Unterschieden folgt nicht, dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.

Eine statistische Beziehung zwischen Kontext und Lautstruktur beweist nicht, dass einzelne Belltypen wie Wörter eine eindeutige Bedeutung besitzen.[3]

Für die praktische Interpretation sollten deshalb mehrere Informationen gemeinsam betrachtet werden:

  • Situation
  • Körpersprache
  • vorausgehende Ereignisse
  • Erregungszustand
  • Verhalten nach dem Bellen
  • individuelle Lerngeschichte

Pauschale Aussagen wie „ein tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ lassen sich daraus nicht ableiten.

Wahrnehmung durch Menschen

Menschen können aus akustischen Eigenschaften von Lautäußerungen Informationen über emotionale Qualität und Intensität ableiten.

Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen teilweise ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung von Valenz und Intensität verwenden.[8]

Auch daraus lässt sich jedoch keine zuverlässige Übersetzung eines einzelnen Belllautes unabhängig vom situativen Kontext ableiten.

Hund und Wolf

Haushunde bellen häufiger und in mehr Situationen als Wölfe.

Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.

Als mögliche Erklärungen für die ausgeprägtere Verwendung des Bellens beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse und Veränderungen der sozialen Umwelt diskutiert.[2][1]

Verhaltensanalyse vor dem Training

Vor Beginn eines Trainings sollte möglichst geklärt werden, unter welchen Bedingungen das Bellverhalten auftritt und wodurch es möglicherweise aufrechterhalten wird.

Hilfreiche Fragen sind:

  1. Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?
  1. Welcher Reiz ist vorhanden?
  1. Welche Distanz besteht zum Auslöser?
  1. Wie sieht die Körpersprache aus?
  1. Wie hoch ist das Erregungsniveau?
  1. Kann der Hund noch Futter annehmen?
  1. Kann der Hund bekannte Verhaltensweisen zeigen?
  1. Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?
  1. Entfernt sich der Auslöser?
  1. Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu einer Ressource?
  1. Wie lange benötigt der Hund, um anschließend wieder zur Ruhe zu kommen?

Trigger-Tagebuch

Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen.

Mögliche Beobachtungskriterien sind:

Kriterium

Die Dokumentation kann dabei helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche Konsequenzen des Verhaltens zu erkennen.

Medizinische Ursachen und Schmerz

Verhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.

Mills und Kollegen weisen darauf hin, dass Schmerzen bei verhaltensmedizinischen Problemen von Hunden eine erhebliche Rolle spielen können.[9]

Die Autoren beschreiben unterschiedliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:

  1. Das Verhalten kann eine direkte Folge von Schmerz sein.
  1. Nicht erkannter Schmerz kann einem anderen Verhaltensproblem zugrunde liegen.
  1. Schmerz kann bereits vorhandenes problematisches Verhalten verstärken.
  1. Zusätzlich können weitere schmerzbedingte Verhaltensänderungen auftreten.

Plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellverhalten sollte deshalb nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden.

Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Verhalten
  • Berührungs- oder Bewegungsempfindlichkeit
  • Problemen beim Aufstehen oder Hinlegen
  • verändertem Schlafverhalten
  • verminderter Aktivität
  • ungewöhnlicher Reizbarkeit
  • altersbedingten Verhaltensveränderungen
  • zusätzlichen körperlichen Symptomen

Trennungsbezogenes Verhalten

Übermäßige Vokalisation kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein.[4][5]

Weitere mögliche Verhaltensweisen während des Alleinseins können sein:

  • Unruhe
  • wiederholtes Hin- und Herlaufen
  • Zerstörungsverhalten
  • Ausscheidungsverhalten
  • Hecheln
  • Speicheln
  • wiederholte Orientierung an Türen oder Fenstern
  • fehlende Ruhephasen

Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden.

Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit können helfen, Beginn, Verlauf und Intensität des Verhaltens zu beurteilen.

In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten Halter nach einem strukturierten Verhaltenstherapieprogramm bei einem großen Teil der betroffenen Hunde Verbesserungen.[4]

Bei trennungsbezogenem Bellverhalten sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, die Lautäußerung zu unterdrücken.

Geräuschangst und Geräuschsensitivität

Geräuschängste können bei Haushunden zu erheblichen Stressreaktionen führen.[10][11]

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Schüsse
  • Baustellengeräusche
  • Haushaltsgeräte
  • metallische Geräusche
  • Verkehr
  • plötzlich zufallende Türen

Mögliche Reaktionen sind:

  • Bellen
  • Fluchtverhalten
  • Verstecken
  • Zittern
  • Hecheln
  • erhöhte Wachsamkeit
  • Unruhe
  • Erstarren
  • Nähe suchen

Bei der Behandlung können abhängig vom individuellen Fall verschiedene Elemente kombiniert werden.[11]

Dazu gehören beispielsweise:

  • Management
  • sichere Rückzugsmöglichkeiten
  • kontrollierte Geräuschexposition
  • systematische Desensibilisierung
  • Gegenkonditionierung
  • vorbeugendes Training
  • bei entsprechender Indikation tierärztlich verordnete medikamentöse Unterstützung

Grundprinzipien des Trainings

Das Trainingsziel sollte nicht ausschließlich darin bestehen, das Bellen zu unterdrücken.

Entscheidend ist vielmehr, welche Reaktion und welcher emotionale Zustand langfristig an die Stelle des bisherigen Verhaltens treten sollen.

Mögliche Trainingsziele sind:

  • geringere Erregung
  • ruhigere Wahrnehmung eines Auslösers
  • Orientierung zum Menschen
  • selbstständige Distanzvergrößerung
  • Gang zu einem Ruheplatz
  • kontrollierter Rückzug
  • schnellere Wiederherstellung der Ansprechbarkeit

Management

Management reduziert Situationen, in denen problematisches Bellverhalten immer wieder ausgelöst und eingeübt wird.

Mögliche Maßnahmen sind:

  • Sichtschutz an Fenstern oder Zäunen
  • größere Distanz zu Auslösern
  • räumliche Trennung bei Besuch
  • Kindergitter
  • Rückzugsbereiche
  • Geräuschmaskierung
  • planbare Besuchssituationen
  • Anpassung von Spazierwegen oder Trainingszeiten

Management ersetzt das Training nicht, kann jedoch die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen verbessern.

Reizintensität und Lernfähigkeit

Training sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber weiterhin ansprechbar und lernfähig bleibt.

Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:

  • Distanz
  • Lautstärke
  • Dauer
  • Geschwindigkeit
  • Bewegungsrichtung
  • Anzahl gleichzeitig auftretender Reize

Eine zu schnelle Steigerung kann zu hoher Erregung führen und Lernprozesse erschweren.

Gegenkonditionierung

Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser wiederholt eine für den Hund positive Konsequenz ankündigt.

Beispiel:

Klingelton → hochwertige Belohnung

Der Auslöser erscheint zuerst. Anschließend folgt die positive Konsequenz.

Das Ziel besteht nicht nur darin, aktuelles Bellen zu unterbrechen, sondern die Erwartung gegenüber dem Auslöser langfristig zu verändern.

Systematische Desensibilisierung

Bei der systematischen Desensibilisierung wird ein auslösender Reiz zunächst in einer Intensität präsentiert, die der Hund bewältigen kann.

Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht.

Ein möglicher Aufbau bei einer Türklingel kann beispielsweise sein:

  1. Klingelton mit sehr geringer Lautstärke
  1. Klingelton mit höherer Lautstärke
  1. Klingelton in realistischer Lautstärke
  1. Klingelton und Bewegung vor der Tür
  1. Klingelton und bekannte Person
  1. kontrollierter Besuch
  1. Übertragung auf unterschiedliche Alltagssituationen

Die Schwierigkeit sollte so angepasst werden, dass der Hund möglichst weiterhin lernfähig bleibt.

Alternative Verhaltensweisen

Statt ausschließlich das Bellen verhindern zu wollen, können geeignete Alternativverhaltensweisen gezielt aufgebaut und verstärkt werden.

Mögliche Alternativen sind:

  • Blick zum Menschen
  • Handtarget
  • Rückruf vom Fenster
  • Gang zur Matte
  • ruhiges Liegen
  • Distanzvergrößerung
  • Richtungswechsel
  • Orientierungssignal

Bellen an der Haustür

Typische Auslöser

Mögliche Auslöser sind:

  • Türklingel
  • Klopfen
  • Schritte im Treppenhaus
  • Stimmen
  • Bewegungen vor der Tür
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche, die einen Besucher ankündigen

Trainingsaufbau

Ein möglicher Trainingsaufbau ist:

  1. Auslöser möglichst genau identifizieren.
  1. Einzelne Reize zunächst getrennt trainieren.
  1. Mit niedriger Reizintensität beginnen.
  1. Den Reiz zuverlässig eine positive Konsequenz ankündigen lassen.
  1. Orientierung zum Menschen aufbauen.
  1. Bei Bedarf einen Gang zu einem Ruheplatz trainieren.
  1. Reizintensität schrittweise erhöhen.
  1. Erst später mehrere Auslöser miteinander kombinieren.
  1. Kontrolliert mit bekannten Personen üben.
  1. Das Verhalten anschließend auf reale Alltagssituationen übertragen.

Mögliches Zielverhalten

Ein mögliches alltagstaugliches Ziel kann sein:

Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zum Ruheplatz gehen → wieder zur Ruhe kommen

Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das einzige sinnvolle Trainingsziel sein.

Bellen bei Alltagsgeräuschen

Bei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann das Training aus mehreren Komponenten bestehen.

Management

Mögliche Maßnahmen sind:

  • ruhiger Rückzugsort
  • Reduktion visueller Reize
  • gegebenenfalls Maskierung bestimmter Geräusche
  • Reduktion unnötiger starker Reizexposition

Kontrolliertes Training

Geräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson kontrolliert erzeugt werden.

Der Reiz wird zunächst in einer Intensität präsentiert, in der der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren.

Anschließend kann eine positive Konsequenz folgen.

Übertragung in den Alltag

Nimmt der Hund ein Geräusch wahr und bleibt dabei ansprechbar, kann dieses Verhalten gezielt verstärkt werden.

Mit zunehmender Sicherheit können unterschiedliche Geräusche, Intensitäten und Situationen trainiert werden.

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bei vermutetem Aufmerksamkeits- oder Forderungsbellen sollte zunächst untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte.

Mögliche Trainingsansätze sind:

  • ruhiges Verhalten gezielt verstärken
  • Bedürfnisse vorausschauend berücksichtigen
  • gewünschte Alternativverhaltensweisen aufbauen
  • unbeabsichtigte Verstärkung des Bellens vermeiden

Ignorieren ist keine allgemeingültige Behandlungsmethode für Bellen.

Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln.

Leinen- und Zaunbellen

Bei Bellen im Zusammenhang mit hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst die Distanz zum Auslöser vergrößert werden.

Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:

  • Bögen laufen
  • Distanz vergrößern
  • frühzeitiger Richtungswechsel
  • U-Turn
  • Handtarget
  • Orientierung am Menschen
  • Training bei ausreichend großer Distanz

Das Training sollte möglichst beginnen, bevor das Erregungsniveau so hoch ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist.

Aversive Trainingsmethoden

Aversive Trainingsmethoden verwenden unangenehme oder schmerzhafte Reize beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung.

Vieira de Castro und Kollegen verglichen Hunde aus Hundeschulen mit unterschiedlich starkem Einsatz aversiver Trainingsmethoden.[12]

Hunde aus stärker aversiv arbeitenden Trainingsgruppen zeigten unter anderem mehr stressassoziierte Verhaltensweisen. Auch Unterschiede bei physiologischen Stressparametern und in einem Cognitive-Bias-Test wurden festgestellt.[12]

Ein Review von Ziv kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren mit Risiken für das Wohlbefinden von Hunden verbunden sein können.[13]

Belohnungsbasierte und möglichst wenig aversive Trainingsverfahren sind deshalb aus Tierschutz- und Wohlfahrtsperspektive zu bevorzugen.

Bellen und Lärmbelastung

In Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen hohe Geräuschpegel entstehen.

Sales und Kollegen dokumentierten in solchen Umgebungen teilweise Schalldruckpegel von mehr als 100 dB und diskutierten die Geräuschbelastung als mögliches Wohlfahrtsproblem für die untergebrachten Hunde.[14]

Wann fachliche Hilfe sinnvoll ist

Eine tierärztliche beziehungsweise verhaltensmedizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Bellverhalten
  • Verdacht auf Schmerzen
  • deutlichen Angstreaktionen
  • starkem trennungsbezogenem Verhalten
  • ausgeprägter Geräuschangst
  • altersbedingten Verhaltensveränderungen
  • deutlicher Einschränkung des Wohlbefindens
  • selbstverletzendem Verhalten
  • zunehmender Aggression
  • schwer kontrollierbaren Eskalationen

Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen beziehungsweise Verhaltensberater:innen sinnvoll sein.

Zusammenfassung

Bellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen.

Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute aus verschiedenen Situationen statistisch unterscheiden können. Daraus lässt sich jedoch kein einfaches „Bell-Wörterbuch“ ableiten, mit dem einzelne Belllaute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten.

Für die Beurteilung sind insbesondere relevant:

  • Kontext
  • Körpersprache
  • emotionaler Zustand
  • Erregungsniveau
  • Auslöser
  • Lerngeschichte
  • Konsequenzen des Verhaltens
  • körperlicher Zustand

Für Training und Verhaltensberatung ist daher nicht nur die Frage wichtig, wie Bellen reduziert werden kann, sondern vor allem, warum der betreffende Hund in der jeweiligen Situation bellt und welches alternative Verhalten beziehungsweise welcher alternative emotionale Zustand aufgebaut werden soll.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Siniscalchi, M.; d’Ingeo, S.; Minunno, M.; Quaranta, A. (2018). Communication in Dogs. Animals, 8(8), 131. doi:10.3390/ani8080131.
  2. 2,0 2,1 2,2 Pongrácz, P.; Molnár, C.; Miklósi, Á. (2010). Barking in family dogs: an ethological approach. The Veterinary Journal, 183(2), 141–147. doi:10.1016/j.tvjl.2008.12.010.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Yin, S.; McCowan, B. (2004). Barking in domestic dogs: context specificity and individual identification. Animal Behaviour, 68(2), 343–355. doi:10.1016/j.anbehav.2003.07.016.
  4. 4,0 4,1 4,2 Blackwell, E. J.; Casey, R. A.; Bradshaw, J. W. S. (2006). A controlled trial of behavioural therapy for separation-related problems in domestic dogs. Veterinary Record, 158(16), 551–554. doi:10.1136/vr.158.16.551.
  5. 5,0 5,1 Sargisson, R. J. (2014). Canine separation anxiety: strategies for treatment and prevention. Veterinary Medicine: Research and Reports, 5, 143–151.
  6. Molnár, C.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2009). Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller. Behavioural Processes, 82(2), 198–201. doi:10.1016/j.beproc.2009.06.011.
  7. Molnár, C.; Kaplan, F.; Roy, P.; Pachet, F.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2008). Classification of dog barks: a machine learning approach. Animal Cognition, 11(3), 389–400. doi:10.1007/s10071-007-0129-9.
  8. Faragó, T.; Andics, A.; Devecseri, V.; Kis, A.; Gácsi, M.; Miklósi, Á. (2014). Humans rely on the same rules to assess emotional valence and intensity in conspecific and dog vocalizations. Biology Letters, 10(1), 20130926. doi:10.1098/rsbl.2013.0926.
  9. Mills, D. S.; Demontigny-Bédard, I.; Gruen, M.; Klinck, M. P.; McPeake, K. J.; Barcelos, A. M.; Hewison, L.; Van Haevermaet, H.; Denenberg, S.; Hauser, H.; Koch, C.; Ballantyne, K.; Wilson, C.; Mathkari, C. V.; Pounder, J.; Garcia, E.; Darder, P.; Fatjó, J.; Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. Animals, 10(2), 318. doi:10.3390/ani10020318.
  10. Blackwell, E. J.; Bradshaw, J. W. S.; Casey, R. A. (2013). Fear responses to noises in domestic dogs: prevalence, risk factors and co-occurrence with other fear related behaviour. Applied Animal Behaviour Science, 145(1–2), 15–25.
  11. 11,0 11,1 Riemer, S. (2023). Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. Animals, 13(23), 3664. doi:10.3390/ani13233664.
  12. 12,0 12,1 Vieira de Castro, A. C.; Fuchs, D.; Morello, G. M.; Pastur, S.; de Sousa, L.; Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023.
  13. Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004.
  14. Sales, G.; Hubrecht, R.; Peyvandi, A.; Milligan, S.; Shield, B. (1997). Noise in dog kennelling: Is barking a welfare problem for dogs? Applied Animal Behaviour Science, 52(3–4), 321–329. doi:10.1016/S0168-1591(96)01132-X.