Bellen

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Bellen bei Hunden – Funktion, Ursachen und Training

Bellen ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (Canis familiaris). Es kann abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.

Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.[1][2]

Funktionale Betrachtung

Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst die Frage entscheidend:

Welche Funktion erfüllt das Bellen für diesen Hund in dieser Situation?

Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • auslösender Reiz
  • Situation und Umgebung
  • Distanz zum Auslöser
  • emotionale Erregung
  • Körpersprache
  • Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
  • Konsequenzen des Bellens
  • bisherige Lernerfahrungen
  • körperlicher beziehungsweise gesundheitlicher Zustand

Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.

Häufige Funktionen und Auslöser

Alarm- und Störungsbellen

Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen. Typische Situationen sind:

  • Türklingel oder Klopfen
  • Personen vor dem Grundstück
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche im Treppenhaus
  • fremde Tiere oder Menschen am Zaun

In experimentellen Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus solchen Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.[3]

Kontakt- und Trennungsbellen

Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.

Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.[4][5]

Spiel- und Sozialbellen

Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.

Bei Spiel treten häufig weitere Signale auf, beispielsweise:

  • Spielbogen
  • lockere Bewegungen
  • Rollenwechsel
  • Annäherung und Rückzug
  • wiederholte Spielaufforderungen

Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.[6]

Frustrations- und Barrierebellen

Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen beziehungsweise keine gewünschte Handlung ausführen kann.

Typische Situationen sind:

  • Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
  • Hund befindet sich hinter einem Zaun
  • Hund beobachtet Tiere oder Menschen durch ein Fenster
  • Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert

Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.[7]

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.

Folgt auf das Bellen beispielsweise regelmäßig:

  • Blickkontakt
  • Ansprache
  • Berührung
  • Futter
  • Spiel
  • Öffnen einer Tür
  • Zugang zu einer Ressource

kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass der Hund in vergleichbaren Situationen erneut bellt.

Entscheidend ist nicht allein der Auslöser, sondern auch, welche Konsequenzen das Verhalten in der Vergangenheit hatte.

Angst- und Unsicherheitsbellen

Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.

Dies kann unter anderem auftreten bei:

  • unbekannten Menschen
  • unbekannten Hunden
  • plötzlich auftretenden Reizen
  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Haushaltsgeräuschen
  • ungewohnten Umgebungen

In diesen Fällen sollte nicht allein das Bellverhalten betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung und weitere Stresssignale sind für die Beurteilung wichtig.

Akustischer Informationsgehalt des Bellens

Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.

Yin und McCowan untersuchten 4.672 Belllaute von zehn erwachsenen Hunden aus sechs Rassen in drei Situationen:

  1. Störung durch eine fremde Person an der Tür
  1. Isolation vom Halter
  1. Spiel mit einem Menschen oder einem anderen Hund

Die Belllaute bildeten keine vollständig getrennten Kategorien, sondern ein graduelles Kontinuum verschiedener akustischer Eigenschaften.[8]

Kontextabhängige Unterschiede

Belllaute aus Störungssituationen waren im Durchschnitt:

  • tieffrequenter
  • rauer beziehungsweise geräuschhafter
  • weniger tonal
  • weniger frequenzmoduliert
  • länger
  • schneller wiederholt

Belllaute während Isolation und Spiel waren dagegen häufiger:

  • höherfrequent
  • tonaler
  • harmonischer
  • stärker frequenzmoduliert

Die Ergebnisse zeigen damit, dass sich statistische Zusammenhänge zwischen Situation und akustischer Struktur von Belllauten nachweisen lassen.[9]

Kontext und individuelle Erkennung

Eine multivariate Analyse konnte Belllaute überzufällig den untersuchten Situationen zuordnen.

Bestimmte akustische Merkmale trugen besonders zur Kontextunterscheidung bei, darunter:

  • Amplitudenbereich
  • minimale Frequenz
  • Dauer des Belllautes

Andere Merkmale waren stärker mit der Identität des jeweiligen Hundes verbunden.[10]

Auch spätere Untersuchungen zeigten, dass Hunde Belllaute aus unterschiedlichen Situationen sowie Belllaute verschiedener Individuen unterscheiden können.[11]

Kein „Bell-Wörterbuch“

Aus den akustischen Unterschieden folgt nicht, dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.

Yin und McCowan weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine Korrelation zwischen Kontext und Lautstruktur noch nicht beweist, dass unterschiedliche Belltypen unterschiedliche kommunikative Funktionen oder feste Bedeutungen besitzen.[12]

Für die praktische Interpretation sollten deshalb immer gemeinsam betrachtet werden:

  • Situation
  • Körpersprache
  • vorausgehende Ereignisse
  • Erregungszustand
  • Verhalten nach dem Bellen
  • individuelle Lerngeschichte

Aussagen wie „tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ sind wissenschaftlich nicht ausreichend begründet.

Wahrnehmung durch Menschen

Menschen können aus akustischen Eigenschaften tierischer Lautäußerungen Informationen über deren emotionale Qualität ableiten.

Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung emotionaler Valenz und Intensität verwenden.[13]

Dies bedeutet jedoch ebenfalls nicht, dass Menschen aus einem einzelnen Belllaut zuverlässig die genaue Motivation eines Hundes bestimmen können.

Hund und Wolf

Haushunde bellen häufiger und in mehr Situationen als Wölfe.

Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.

Als mögliche Ursachen für die ausgeprägtere Verwendung von Bellen beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse, veränderte soziale Umweltbedingungen und das enge Zusammenleben mit Menschen diskutiert.[14][15]

Vor dem Training: Verhaltensanalyse

Starkes oder störendes Bellverhalten sollte möglichst vor Beginn des Trainings funktional analysiert werden.

Hilfreiche Fragen sind:

  1. Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?
  1. Was nimmt der Hund wahr?
  1. Welche Distanz besteht zum Auslöser?
  1. Wie sieht die Körpersprache aus?
  1. Wie hoch ist die Erregung?
  1. Kann der Hund noch Futter nehmen und bekannte Signale ausführen?
  1. Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?
  1. Entfernt sich der Reiz?
  1. Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu etwas?
  1. Wie schnell kann der Hund anschließend wieder zur Ruhe kommen?

Trigger-Tagebuch

Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, Muster sichtbar zu machen.

Dokumentiert werden können:

Merkmal

Eine solche Dokumentation kann helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche aufrechterhaltende Konsequenzen zu erkennen.

Medizinische Ursachen und Schmerz

Verhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.

Mills und Kollegen untersuchten klinische Erfahrungen aus verhaltensmedizinischen Fällen. Bei einer Auswertung von 100 überwiesenen Hunden war konservativ geschätzt bei etwa einem Drittel eine schmerzhafte Erkrankung beteiligt; in einzelnen Fallserien lag der Anteil deutlich höher.[16]

Die Autoren unterscheiden vier grundsätzliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:

  1. Das gezeigte Verhalten ist eine direkte Folge des Schmerzes.
  1. Nicht erkannter Schmerz liegt einem anderen Verhaltensproblem zugrunde.
  1. Schmerz verstärkt bereits vorhandenes problematisches Verhalten.
  1. Zusätzlich treten weitere schmerzbedingte Verhaltensänderungen auf.

Für die Praxis bedeutet dies, dass plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellen nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden sollte.

Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Verhalten
  • Berührungs- oder Bewegungsempfindlichkeit
  • Problemen beim Aufstehen oder Hinlegen
  • verändertem Schlaf
  • verminderter Aktivität
  • Reizbarkeit
  • altersbedingten Veränderungen
  • gleichzeitig auftretenden körperlichen Symptomen

Trennungsbezogenes Verhalten

Übermäßige Vokalisation ist ein häufig beschriebenes Merkmal trennungsbezogener Verhaltensprobleme.

Weitere mögliche Zeichen sind:

  • Unruhe
  • wiederholtes Hin- und Herlaufen
  • Zerstörungsverhalten
  • Ausscheidungsverhalten
  • Hecheln
  • Speicheln
  • wiederholte Orientierung an Türen oder Fenstern
  • fehlende Ruhephasen

Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden.

Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit des Halters können wichtige Informationen liefern.

In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten nach zwölf Wochen Verhaltenstherapie 56 % der Halter eine deutliche Verbesserung und weitere 25 % eine leichte Verbesserung. Die Besitzerberichte wurden grundsätzlich durch Videoaufzeichnungen der allein gelassenen Hunde gestützt.[17]

Bei Trennungsproblemen sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, das Bellen zu unterdrücken.

Geräuschangst und Geräuschsensitivität

Geräuschängste gehören zu den häufigen Verhaltensproblemen bei Haushunden.[18]

Auslöser können beispielsweise sein:

  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Schüsse
  • Baustellengeräusche
  • Haushaltsgeräte
  • metallische Geräusche
  • Verkehr
  • plötzlich zufallende Türen

Mögliche Reaktionen umfassen neben Bellen unter anderem:

  • Fluchtverhalten
  • Verstecken
  • Zittern
  • Hecheln
  • erhöhte Wachsamkeit
  • Unruhe
  • Erstarren
  • Nähe suchen

Riemer unterscheidet bei der Behandlung zwischen kurzfristigen Maßnahmen während unvermeidbarer Geräuschereignisse und längerfristigem Training.[19]

Je nach individuellem Fall können Bestandteile sein:

  • Management
  • Schaffung eines sicheren Rückzugsortes
  • kontrollierte Geräuschexposition
  • Desensibilisierung
  • Gegenkonditionierung
  • vorbeugendes Training
  • tierärztlich verordnete pharmakologische Unterstützung bei entsprechend schwerer Symptomatik

Auch präventives Training und positive Erfahrungen mit Geräuschen können eine wichtige Rolle spielen.[20]

Grundprinzipien des Trainings

Das Trainingsziel sollte nicht ausschließlich lauten:

„Der Hund darf nicht bellen.“

Sinnvoller ist die Frage:

Welches Verhalten und welcher emotionale Zustand sollen stattdessen entstehen?

Mögliche Ziele sind:

  • ruhigere Wahrnehmung eines Auslösers
  • geringere Erregung
  • Orientierung zum Menschen
  • größere Distanz zum Auslöser
  • Gang zu einem Ruheplatz
  • kontrollierter Rückzug
  • schnelleres Wiedererlangen von Ansprechbarkeit

Management

Management reduziert Situationen, in denen ein problematisches Verhalten immer wieder ausgelöst und geübt wird.

Mögliche Maßnahmen sind:

  • Sichtschutz an Fenstern oder Zäunen
  • größere Distanz zu Auslösern
  • räumliche Trennung bei Besuch
  • Kindergitter
  • Rückzugsbereiche
  • Geräuschmaskierung
  • planbare Besuchssituationen
  • Veränderung von Spazierwegen oder Trainingszeiten

Management ist kein Ersatz für Training, kann aber die Voraussetzungen schaffen, unter denen Lernen überhaupt möglich ist.

Reizintensität und Lernfähigkeit

Training sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber noch lernfähig und ansprechbar bleibt.

Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:

  • Distanz
  • Lautstärke
  • Dauer
  • Geschwindigkeit
  • Bewegungsrichtung
  • Anzahl gleichzeitig auftretender Reize

Zu schnelle Steigerungen können zu hoher Erregung führen und den Trainingserfolg erschweren.

Gegenkonditionierung

Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser zuverlässig eine positive Konsequenz ankündigt.

Beispiel:

Klingel → Futter

Der Klingelton erscheint zuerst und kündigt anschließend die Belohnung an.

Ziel ist nicht nur die kurzfristige Unterbrechung des Bellens, sondern eine Veränderung der Erwartung gegenüber dem Auslöser.

Systematische Desensibilisierung

Bei der systematischen Desensibilisierung wird ein auslösender Reiz zunächst in einer Intensität präsentiert, die der Hund bewältigen kann.

Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht.

Beispiel:

  1. sehr leiser Klingelton
  1. normaler Klingelton
  1. Klingel + Bewegung vor der Tür
  1. Klingel + bekannte Person
  1. kontrollierter Besuch
  1. zunehmend realistische Alltagssituationen

Die nächste Stufe sollte erst erfolgen, wenn die vorherige zuverlässig bewältigt werden kann.

Alternative Verhaltensweisen

Statt nur Bellen zu verhindern, können geeignete Alternativverhaltensweisen aufgebaut und verstärkt werden.

Beispiele:

  • Blick zum Menschen
  • Handtarget
  • Rückruf vom Fenster
  • Gang zur Matte
  • ruhiges Liegen
  • Distanzvergrößerung
  • U-Turn
  • Orientierungssignal

Dabei können Verfahren der differenziellen Verstärkung eingesetzt werden.

Praxisbeispiel: Bellen an der Haustür

Typische Auslöser

  • Türklingel
  • Klopfen
  • Schritte im Treppenhaus
  • Stimmen
  • Bewegungen an der Tür
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche, die einen Besucher ankündigen

Trainingsaufbau

  1. Auslöser identifizieren
  1. Einzelne Reize zunächst getrennt trainieren
  1. Mit niedriger Intensität beginnen
  1. Reiz → positive Konsequenz
  1. Orientierung zum Menschen aufbauen
  1. gegebenenfalls Gang zur Matte trainieren
  1. Schwierigkeit schrittweise erhöhen
  1. mehrere Reize später kombinieren
  1. Training mit bekannten Personen
  1. anschließend Übertragung in Alltagssituationen

Mögliches Zielverhalten

Ein realistisches Trainingsziel kann sein:

Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zur Matte gehen → wieder zur Ruhe kommen

Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das notwendige oder sinnvollste Trainingsziel sein.

Bellen bei Alltagsgeräuschen

Bei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann Training aus mehreren Komponenten bestehen.

Prävention und Management

  • ruhiger Rückzugsort
  • visuelle Reize reduzieren
  • störende Geräusche gegebenenfalls maskieren
  • unnötige starke Exposition reduzieren

Kontrolliertes Training

Geräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson erzeugt werden.

Der Reiz wird so präsentiert, dass der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren.

Anschließend erfolgt eine positive Konsequenz.

Übertragung in den Alltag

Zeigt der Hund bei einem Geräusch eine kurze Orientierungsreaktion und bleibt ansprechbar, kann genau dieses Verhalten verstärkt werden.

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bei vermutetem Forderungsbellen sollte untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte.

Hilfreich können sein:

  • ruhiges Verhalten häufiger verstärken
  • Bedürfnisse vorausschauend berücksichtigen
  • gewünschte Alternativverhaltensweisen trainieren
  • unbeabsichtigte Verstärkung des Bellens vermeiden

Ignorieren ist jedoch keine allgemeine Behandlungsmethode für Bellen.

Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln.

Leinen- und Zaunbellen

Bei hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst Distanz zum Auslöser geschaffen werden.

Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:

  • Bögen laufen
  • Distanz vergrößern
  • frühzeitiger Richtungswechsel
  • U-Turn
  • Handtarget
  • Orientierung am Menschen
  • Training unterhalb hoher Erregung

Das Training sollte möglichst beginnen, bevor der Hund so stark erregt ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist.

Aversive Trainingsmethoden

Aversive Trainingsmethoden arbeiten mit unangenehmen oder schmerzhaften Reizen beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung.

Vieira de Castro und Kollegen untersuchten 92 Haushunde aus Hundeschulen mit überwiegend belohnungsbasiertem, gemischtem oder überwiegend aversivem Training.[21]

Hunde aus der stärker aversiv trainierten Gruppe zeigten:

  • mehr stressassoziierte Verhaltensweisen
  • häufiger angespannte beziehungsweise niedrige Körperhaltungen
  • häufiger Hecheln
  • stärkere Cortisolanstiege nach dem Training

Hunde aus der ausschließlich aversiv trainierten Gruppe zeigten darüber hinaus in einem Cognitive-Bias-Test pessimistischere Reaktionen als Hunde aus der belohnungsbasierten Gruppe.[22]

Ein Review von Ziv kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren Risiken für das körperliche und psychische Wohlbefinden von Hunden bergen.[23]

Aus verhaltensbiologischer und tierschutzorientierter Sicht sollten deshalb möglichst wenig aversive und belohnungsbasierte Verfahren bevorzugt werden.

Bellen und Lärmbelastung

In Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen sehr hohe Geräuschpegel entstehen.

Sales und Kollegen dokumentierten teilweise Schalldruckpegel von mehr als 100 dB und diskutierten die Lärmbelastung ausdrücklich als mögliches Problem für das Wohlbefinden der dort untergebrachten Hunde.[24]

Wann fachliche Hilfe sinnvoll ist

Eine tierärztliche beziehungsweise verhaltensmedizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Bellverhalten
  • Verdacht auf Schmerzen
  • deutlichen Angstreaktionen
  • schwerem Trennungsstress
  • ausgeprägter Geräuschangst
  • altersbedingten Verhaltensveränderungen
  • stark eingeschränktem Wohlbefinden
  • selbstverletzendem Verhalten
  • zunehmender Aggression
  • schwer kontrollierbaren Eskalationen

Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen oder Verhaltensberater:innen sinnvoll sein.

Zusammenfassung

Bellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen.

Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute verschiedener Situationen statistisch voneinander unterscheiden. Dennoch existiert kein wissenschaftlich belegtes einfaches „Bell-Wörterbuch“, mit dem einzelne Laute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten.

Für die Beurteilung sind deshalb insbesondere relevant:

  • Kontext
  • Körpersprache
  • Emotion und Erregung
  • Auslöser
  • Lerngeschichte
  • Konsequenzen des Verhaltens
  • körperlicher Zustand

Die zentrale Frage sollte nicht nur lauten:

„Wie verhindere ich das Bellen?“

sondern:

„Warum bellt dieser Hund in genau dieser Situation und was braucht er, um anders reagieren zu können?“

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Siniscalchi, M.; d’Ingeo, S.; Minunno, M.; Quaranta, A. (2018). Communication in Dogs. Animals, 8(8), 131. doi:10.3390/ani8080131.
  2. Pongrácz, P.; Molnár, C.; Miklósi, Á. (2010). Barking in family dogs: an ethological approach. The Veterinary Journal, 183(2), 141–147. doi:10.1016/j.tvjl.2008.12.010.
  3. Yin, S.; McCowan, B. (2004). Barking in domestic dogs: context specificity and individual identification. Animal Behaviour, 68(2), 343–355. doi:10.1016/j.anbehav.2003.07.016.
  4. Blackwell, E. J.; Twells, C.; Seawright, A.; Casey, R. A. (2008). The relationship between training methods and the occurrence of behavior problems, as reported by owners, in a population of domestic dogs. Journal of Veterinary Behavior, 3(5), 207–217.
  5. Sargisson, R. J. (2014). Canine separation anxiety: strategies for treatment and prevention. Veterinary Medicine: Research and Reports, 5, 143–151.
  6. Yin & McCowan (2004), s. o.
  7. Pongrácz et al. (2010), s. o.
  8. Yin & McCowan (2004), s. o.
  9. Yin & McCowan (2004), s. o.
  10. Yin & McCowan (2004), s. o.
  11. Molnár, C.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2009). Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller. Behavioural Processes, 82(2), 198–201. doi:10.1016/j.beproc.2009.06.011.
  12. Yin & McCowan (2004), s. o.
  13. Faragó, T.; Andics, A.; Devecseri, V.; Kis, A.; Gácsi, M.; Miklósi, Á. (2014). Humans rely on the same rules to assess emotional valence and intensity in conspecific and dog vocalizations. Biology Letters, 10(1), 20130926. doi:10.1098/rsbl.2013.0926.
  14. Pongrácz et al. (2010), s. o.
  15. Siniscalchi et al. (2018), s. o.
  16. Mills, D. S.; Demontigny-Bédard, I.; Gruen, M.; Klinck, M. P.; McPeake, K. J.; Barcelos, A. M.; Hewison, L.; Van Haevermaet, H.; Denenberg, S.; Hauser, H.; Koch, C.; Ballantyne, K.; Wilson, C.; Mathkari, C. V.; Pounder, J.; Garcia, E.; Darder, P.; Fatjó, J.; Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. Animals, 10(2), 318. doi:10.3390/ani10020318.
  17. Blackwell, E. J.; Casey, R. A.; Bradshaw, J. W. S. (2006). A controlled trial of behavioural therapy for separation-related problems in domestic dogs. Veterinary Record, 158(16), 551–554. doi:10.1136/vr.158.16.551.
  18. Riemer, S. (2023). Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. Animals, 13(23), 3664. doi:10.3390/ani13233664.
  19. Riemer (2023), s. o.
  20. Riemer (2023), s. o.
  21. Vieira de Castro, A. C.; Fuchs, D.; Morello, G. M.; Pastur, S.; de Sousa, L.; Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023.
  22. Vieira de Castro et al. (2020), s. o.
  23. Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004.
  24. Sales, G.; Hubrecht, R.; Peyvandi, A.; Milligan, S.; Shield, B. (1997). Noise in dog kennelling: Is barking a welfare problem for dogs? Applied Animal Behaviour Science, 52(3–4), 321–329. doi:10.1016/S0168-1591(96)01132-X.