Bellen: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Bellen bei Hunden – Funktion, Ursachen und Training'''
'''Bellen''' ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (''Canis familiaris''). Abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte kann Bellen unterschiedliche Funktionen erfüllen.
 
'''Bellen''' ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (''Canis familiaris''). Es kann abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte unterschiedliche Funktionen erfüllen.


Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.
Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.


Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.<ref>Siniscalchi, M.; d’Ingeo, S.; Minunno, M.; Quaranta, A. (2018). Communication in Dogs. ''Animals'', 8(8), 131. doi:10.3390/ani8080131.</ref><ref>Pongrácz, P.; Molnár, C.; Miklósi, Á. (2010). Barking in family dogs: an ethological approach. ''The Veterinary Journal'', 183(2), 141–147. doi:10.1016/j.tvjl.2008.12.010.</ref>
Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.<ref name="Siniscalchi2018">Siniscalchi, M.; d’Ingeo, S.; Minunno, M.; Quaranta, A. (2018). Communication in Dogs. ''Animals'', 8(8), 131. doi:10.3390/ani8080131.</ref><ref name="Pongracz2010">Pongrácz, P.; Molnár, C.; Miklósi, Á. (2010). Barking in family dogs: an ethological approach. ''The Veterinary Journal'', 183(2), 141–147. doi:10.1016/j.tvjl.2008.12.010.</ref>


== Funktionale Betrachtung ==
== Funktionale Betrachtung ==


Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst die Frage entscheidend:
Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst entscheidend, welche Funktion das Bellen für den jeweiligen Hund in der jeweiligen Situation erfüllt.
 
'''Welche Funktion erfüllt das Bellen für diesen Hund in dieser Situation?'''


Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:
Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:
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* Situation und Umgebung
* Situation und Umgebung
* Distanz zum Auslöser
* Distanz zum Auslöser
* emotionale Erregung
* emotionaler Zustand
* Erregungsniveau
* Körpersprache
* Körpersprache
* Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
* Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
* Konsequenzen des Bellens
* Konsequenzen des Bellens
* bisherige Lernerfahrungen
* bisherige Lernerfahrungen
* körperlicher beziehungsweise gesundheitlicher Zustand
* körperlicher und gesundheitlicher Zustand


Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.
Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.
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=== Alarm- und Störungsbellen ===
=== Alarm- und Störungsbellen ===


Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen. Typische Situationen sind:
Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen.
 
Typische Situationen sind:


* Türklingel oder Klopfen
* Türklingel oder Klopfen
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* Bewegungen am Fenster
* Bewegungen am Fenster
* Geräusche im Treppenhaus
* Geräusche im Treppenhaus
* fremde Tiere oder Menschen am Zaun
* fremde Menschen oder Tiere am Zaun


In experimentellen Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus solchen Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.<ref>Yin, S.; McCowan, B. (2004). Barking in domestic dogs: context specificity and individual identification. ''Animal Behaviour'', 68(2), 343–355. doi:10.1016/j.anbehav.2003.07.016.</ref>
In Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.<ref name="Yin2004">Yin, S.; McCowan, B. (2004). Barking in domestic dogs: context specificity and individual identification. ''Animal Behaviour'', 68(2), 343–355. doi:10.1016/j.anbehav.2003.07.016.</ref>


=== Kontakt- und Trennungsbellen ===
=== Kontakt- und Trennungsbellen ===
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Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.
Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.


Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines '''trennungsbezogenen Verhaltensproblems''' sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.<ref>Blackwell, E. J.; Twells, C.; Seawright, A.; Casey, R. A. (2008). The relationship between training methods and the occurrence of behavior problems, as reported by owners, in a population of domestic dogs. ''Journal of Veterinary Behavior'', 3(5), 207–217.</ref><ref>Sargisson, R. J. (2014). Canine separation anxiety: strategies for treatment and prevention. ''Veterinary Medicine: Research and Reports'', 5, 143–151.</ref>
Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.<ref name="Blackwell2006">Blackwell, E. J.; Casey, R. A.; Bradshaw, J. W. S. (2006). A controlled trial of behavioural therapy for separation-related problems in domestic dogs. ''Veterinary Record'', 158(16), 551–554. doi:10.1136/vr.158.16.551.</ref><ref name="Sargisson2014">Sargisson, R. J. (2014). Canine separation anxiety: strategies for treatment and prevention. ''Veterinary Medicine: Research and Reports'', 5, 143–151.</ref>


=== Spiel- und Sozialbellen ===
=== Spiel- und Sozialbellen ===
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Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.
Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.


Bei Spiel treten häufig weitere Signale auf, beispielsweise:
Im Zusammenhang mit Spiel können beispielsweise zusätzlich folgende Verhaltensweisen auftreten:


* Spielbogen
* Spielbogen
* lockere Bewegungen
* lockere Körperbewegungen
* Rollenwechsel
* Rollenwechsel
* Annäherung und Rückzug
* Annäherung und Rückzug
* wiederholte Spielaufforderungen
* wiederholte Spielaufforderungen


Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.<ref>Yin & McCowan (2004), s. o.</ref>
Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.<ref name="Yin2004" />


=== Frustrations- und Barrierebellen ===
=== Frustrations- und Barrierebellen ===


Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen beziehungsweise keine gewünschte Handlung ausführen kann.
Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen oder eine gewünschte Handlung nicht ausführen kann.


Typische Situationen sind:
Typische Situationen sind:


* Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
* ein Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
* Hund befindet sich hinter einem Zaun
* ein Hund befindet sich hinter einem Zaun
* Hund beobachtet Tiere oder Menschen durch ein Fenster
* ein Hund beobachtet Menschen oder Tiere durch ein Fenster
* Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert
* der Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert


Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.<ref>Pongrácz et al. (2010), s. o.</ref>
Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.<ref name="Pongracz2010" />


=== Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen ===
=== Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen ===
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Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.
Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.


Folgt auf das Bellen beispielsweise regelmäßig:
Folgt auf das Bellen regelmäßig eine für den Hund relevante Konsequenz, kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass das Verhalten in vergleichbaren Situationen erneut auftritt.
 
Mögliche Konsequenzen sind beispielsweise:


* Blickkontakt
* Blickkontakt
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* Spiel
* Spiel
* Öffnen einer Tür
* Öffnen einer Tür
* Zugang zu einer Ressource
* Zugang zu einer gewünschten Ressource


kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass der Hund in vergleichbaren Situationen erneut bellt.
Für die Beurteilung ist deshalb nicht nur der Auslöser wichtig, sondern auch die individuelle Lerngeschichte des Hundes.
 
Entscheidend ist nicht allein der Auslöser, sondern auch, welche Konsequenzen das Verhalten in der Vergangenheit hatte.


=== Angst- und Unsicherheitsbellen ===
=== Angst- und Unsicherheitsbellen ===
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Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.
Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.


Dies kann unter anderem auftreten bei:
Mögliche Auslöser sind beispielsweise:


* unbekannten Menschen
* unbekannte Menschen
* unbekannten Hunden
* unbekannte Hunde
* plötzlich auftretenden Reizen
* plötzlich auftretende Reize
* Feuerwerk
* Feuerwerk
* Gewitter
* Gewitter
* Haushaltsgeräuschen
* Haushaltsgeräusche
* ungewohnten Umgebungen
* ungewohnte Umgebungen


In diesen Fällen sollte nicht allein das Bellverhalten betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung und weitere Stresssignale sind für die Beurteilung wichtig.
In solchen Situationen sollte nicht allein die Lautäußerung betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung, Erstarren und weitere Stressreaktionen können wichtige Informationen über den emotionalen Zustand liefern.


== Akustischer Informationsgehalt des Bellens ==
== Akustischer Informationsgehalt des Bellens ==
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Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.
Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.


Yin und McCowan untersuchten '''4.672 Belllaute''' von zehn erwachsenen Hunden aus sechs Rassen in drei Situationen:
Yin und McCowan untersuchten mehrere Tausend Belllaute von Haushunden in unterschiedlichen Situationen. Die Belllaute bildeten keine vollständig voneinander getrennten Kategorien. Stattdessen zeigten sich graduelle Unterschiede verschiedener akustischer Eigenschaften.<ref name="Yin2004" />
 
# Störung durch eine fremde Person an der Tür
 
# Isolation vom Halter
 
# Spiel mit einem Menschen oder einem anderen Hund
 
Die Belllaute bildeten keine vollständig getrennten Kategorien, sondern ein '''graduelles Kontinuum''' verschiedener akustischer Eigenschaften.<ref>Yin & McCowan (2004), s. o.</ref>


=== Kontextabhängige Unterschiede ===
=== Kontextabhängige Unterschiede ===


Belllaute aus Störungssituationen waren im Durchschnitt:
Zwischen Belllauten aus unterschiedlichen Situationen konnten statistische Unterschiede festgestellt werden.
 
* tieffrequenter
* rauer beziehungsweise geräuschhafter
* weniger tonal
* weniger frequenzmoduliert
* länger
* schneller wiederholt
 
Belllaute während Isolation und Spiel waren dagegen häufiger:


* höherfrequent
Untersuchte Merkmale waren unter anderem:
* tonaler
* harmonischer
* stärker frequenzmoduliert


Die Ergebnisse zeigen damit, dass sich statistische Zusammenhänge zwischen Situation und akustischer Struktur von Belllauten nachweisen lassen.<ref>Yin & McCowan (2004), s. o.</ref>
* Frequenzeigenschaften
* Tonalität
* Frequenzmodulation
* Lautdauer
* Amplitudenvariation


=== Kontext und individuelle Erkennung ===
Belllaute aus Störungssituationen unterschieden sich dabei im Durchschnitt von Belllauten während Isolation oder Spiel.<ref name="Yin2004" />


Eine multivariate Analyse konnte Belllaute überzufällig den untersuchten Situationen zuordnen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Belllaute Informationen über den Kontext enthalten können.


Bestimmte akustische Merkmale trugen besonders zur Kontextunterscheidung bei, darunter:
=== Kontext und individuelle Merkmale ===


* Amplitudenbereich
Bestimmte akustische Eigenschaften waren stärker mit der jeweiligen Situation verbunden, andere stärker mit dem individuellen Hund.<ref name="Yin2004" />
* minimale Frequenz
* Dauer des Belllautes


Andere Merkmale waren stärker mit der Identität des jeweiligen Hundes verbunden.<ref>Yin & McCowan (2004), s. o.</ref>
Auch weitere Untersuchungen zeigten, dass Hunde zwischen Belllauten verschiedener Situationen und verschiedener Individuen unterscheiden können.<ref name="Molnar2009">Molnár, C.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2009). Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller. ''Behavioural Processes'', 82(2), 198–201. doi:10.1016/j.beproc.2009.06.011.</ref>


Auch spätere Untersuchungen zeigten, dass Hunde Belllaute aus unterschiedlichen Situationen sowie Belllaute verschiedener Individuen unterscheiden können.<ref>Molnár, C.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2009). Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller. ''Behavioural Processes'', 82(2), 198–201. doi:10.1016/j.beproc.2009.06.011.</ref>
Maschinelle Klassifikationsverfahren konnten ebenfalls Eigenschaften von Belllauten nutzen, um Situationen beziehungsweise einzelne Hunde überzufällig zu unterscheiden.<ref name="Molnar2008">Molnár, C.; Kaplan, F.; Roy, P.; Pachet, F.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2008). Classification of dog barks: a machine learning approach. ''Animal Cognition'', 11(3), 389–400. doi:10.1007/s10071-007-0129-9.</ref>


=== Kein „Bell-Wörterbuch“ ===
=== Kein einfaches Bell-Wörterbuch ===


Aus den akustischen Unterschieden folgt '''nicht''', dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.
Aus den akustischen Unterschieden folgt nicht, dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.


Yin und McCowan weisen ausdrücklich darauf hin, dass eine Korrelation zwischen Kontext und Lautstruktur noch nicht beweist, dass unterschiedliche Belltypen unterschiedliche kommunikative Funktionen oder feste Bedeutungen besitzen.<ref>Yin & McCowan (2004), s. o.</ref>
Eine statistische Beziehung zwischen Kontext und Lautstruktur beweist nicht, dass einzelne Belltypen wie Wörter eine eindeutige Bedeutung besitzen.<ref name="Yin2004" />


Für die praktische Interpretation sollten deshalb immer gemeinsam betrachtet werden:
Für die praktische Interpretation sollten deshalb mehrere Informationen gemeinsam betrachtet werden:


* Situation
* Situation
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* individuelle Lerngeschichte
* individuelle Lerngeschichte


Aussagen wie „tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ sind wissenschaftlich nicht ausreichend begründet.
Pauschale Aussagen wie „ein tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ lassen sich daraus nicht ableiten.


== Wahrnehmung durch Menschen ==
== Wahrnehmung durch Menschen ==


Menschen können aus akustischen Eigenschaften tierischer Lautäußerungen Informationen über deren emotionale Qualität ableiten.
Menschen können aus akustischen Eigenschaften von Lautäußerungen Informationen über emotionale Qualität und Intensität ableiten.


Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung emotionaler Valenz und Intensität verwenden.<ref>Faragó, T.; Andics, A.; Devecseri, V.; Kis, A.; Gácsi, M.; Miklósi, Á. (2014). Humans rely on the same rules to assess emotional valence and intensity in conspecific and dog vocalizations. ''Biology Letters'', 10(1), 20130926. doi:10.1098/rsbl.2013.0926.</ref>
Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen teilweise ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung von Valenz und Intensität verwenden.<ref name="Farago2014">Faragó, T.; Andics, A.; Devecseri, V.; Kis, A.; Gácsi, M.; Miklósi, Á. (2014). Humans rely on the same rules to assess emotional valence and intensity in conspecific and dog vocalizations. ''Biology Letters'', 10(1), 20130926. doi:10.1098/rsbl.2013.0926.</ref>


Dies bedeutet jedoch ebenfalls nicht, dass Menschen aus einem einzelnen Belllaut zuverlässig die genaue Motivation eines Hundes bestimmen können.
Auch daraus lässt sich jedoch keine zuverlässige Übersetzung eines einzelnen Belllautes unabhängig vom situativen Kontext ableiten.


== Hund und Wolf ==
== Hund und Wolf ==
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Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.
Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.


Als mögliche Ursachen für die ausgeprägtere Verwendung von Bellen beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse, veränderte soziale Umweltbedingungen und das enge Zusammenleben mit Menschen diskutiert.<ref>Pongrácz et al. (2010), s. o.</ref><ref>Siniscalchi et al. (2018), s. o.</ref>
Als mögliche Erklärungen für die ausgeprägtere Verwendung des Bellens beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse und Veränderungen der sozialen Umwelt diskutiert.<ref name="Pongracz2010" /><ref name="Siniscalchi2018" />


== Vor dem Training: Verhaltensanalyse ==
== Verhaltensanalyse vor dem Training ==


Starkes oder störendes Bellverhalten sollte möglichst vor Beginn des Trainings funktional analysiert werden.
Vor Beginn eines Trainings sollte möglichst geklärt werden, unter welchen Bedingungen das Bellverhalten auftritt und wodurch es möglicherweise aufrechterhalten wird.


Hilfreiche Fragen sind:
Hilfreiche Fragen sind:


# '''Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?'''
# Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?
 
# Welcher Reiz ist vorhanden?


# '''Was nimmt der Hund wahr?'''
# Welche Distanz besteht zum Auslöser?


# '''Welche Distanz besteht zum Auslöser?'''
# Wie sieht die Körpersprache aus?


# '''Wie sieht die Körpersprache aus?'''
# Wie hoch ist das Erregungsniveau?


# '''Wie hoch ist die Erregung?'''
# Kann der Hund noch Futter annehmen?


# '''Kann der Hund noch Futter nehmen und bekannte Signale ausführen?'''
# Kann der Hund bekannte Verhaltensweisen zeigen?


# '''Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?'''
# Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?


# '''Entfernt sich der Reiz?'''
# Entfernt sich der Auslöser?


# '''Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu etwas?'''
# Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu einer Ressource?


# '''Wie schnell kann der Hund anschließend wieder zur Ruhe kommen?'''
# Wie lange benötigt der Hund, um anschließend wieder zur Ruhe zu kommen?


== Trigger-Tagebuch ==
== Trigger-Tagebuch ==


Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, Muster sichtbar zu machen.
Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen.


Dokumentiert werden können:
Mögliche Beobachtungskriterien sind:


{| class="wikitable"
{| class="wikitable"
! Merkmal
! Kriterium


| ! Beispiel                                         |
| ! Beispiel                                     |
| -------------------------------------------------- |
| ---------------------------------------------- |
| Auslöser                                           |
| Auslöser                                       |
| Hund erscheint auf gegenüberliegender Straßenseite |
| anderer Hund                                   |
| -                                                 |
| -                                             |
| Distanz                                           |
| Situation                                      |
| etwa 20 Meter                                     |
| Spaziergang an der Leine                      |
| -                                                 |
| -                                              |
| Verhalten                                         |
| Distanz                                       |
| Fixieren Körperspannung → Bellen                |
| etwa 20 Meter                                 |
| -                                                 |
| -                                             |
| Intensität                                        |
| Verhalten vor dem Bellen                      |
| fünf bis zehn Belllaute                           |
| Fixieren und zunehmende Körperspannung         |
| -                                                 |
| -                                             |
| Reaktion des Menschen                             |
| Bellverhalten                                  |
| Leine verkürzt und Hund angesprochen              |
| mehrere schnell aufeinanderfolgende Belllaute |
| -                                                 |
| -                                             |
| Konsequenz                                         |
| Reaktion des Menschen                         |
| anderer Hund entfernt sich                         |
| Leine wird verkürzt                           |
| -                                                 |
| -                                             |
| Erholung                                           |
| Konsequenz                                     |
| nach etwa zwei Minuten wieder ansprechbar         |
| anderer Hund entfernt sich                     |
| }                                                 |
| -                                             |
| Erholung                                       |
| Hund wird nach einiger Zeit wieder ansprechbar |
| }                                             |


Eine solche Dokumentation kann helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche aufrechterhaltende Konsequenzen zu erkennen.
Die Dokumentation kann dabei helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche Konsequenzen des Verhaltens zu erkennen.


== Medizinische Ursachen und Schmerz ==
== Medizinische Ursachen und Schmerz ==
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Verhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.
Verhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.


Mills und Kollegen untersuchten klinische Erfahrungen aus verhaltensmedizinischen Fällen. Bei einer Auswertung von 100 überwiesenen Hunden war konservativ geschätzt bei etwa '''einem Drittel''' eine schmerzhafte Erkrankung beteiligt; in einzelnen Fallserien lag der Anteil deutlich höher.<ref>Mills, D. S.; Demontigny-Bédard, I.; Gruen, M.; Klinck, M. P.; McPeake, K. J.; Barcelos, A. M.; Hewison, L.; Van Haevermaet, H.; Denenberg, S.; Hauser, H.; Koch, C.; Ballantyne, K.; Wilson, C.; Mathkari, C. V.; Pounder, J.; Garcia, E.; Darder, P.; Fatjó, J.; Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. ''Animals'', 10(2), 318. doi:10.3390/ani10020318.</ref>
Mills und Kollegen weisen darauf hin, dass Schmerzen bei verhaltensmedizinischen Problemen von Hunden eine erhebliche Rolle spielen können.<ref name="Mills2020">Mills, D. S.; Demontigny-Bédard, I.; Gruen, M.; Klinck, M. P.; McPeake, K. J.; Barcelos, A. M.; Hewison, L.; Van Haevermaet, H.; Denenberg, S.; Hauser, H.; Koch, C.; Ballantyne, K.; Wilson, C.; Mathkari, C. V.; Pounder, J.; Garcia, E.; Darder, P.; Fatjó, J.; Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. ''Animals'', 10(2), 318. doi:10.3390/ani10020318.</ref>


Die Autoren unterscheiden vier grundsätzliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:
Die Autoren beschreiben unterschiedliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:


# Das gezeigte Verhalten ist eine '''direkte Folge des Schmerzes'''.
# Das Verhalten kann eine direkte Folge von Schmerz sein.


# Nicht erkannter Schmerz '''liegt einem anderen Verhaltensproblem zugrunde'''.
# Nicht erkannter Schmerz kann einem anderen Verhaltensproblem zugrunde liegen.


# Schmerz '''verstärkt bereits vorhandenes problematisches Verhalten'''.
# Schmerz kann bereits vorhandenes problematisches Verhalten verstärken.


# Zusätzlich treten '''weitere schmerzbedingte Verhaltensänderungen''' auf.
# Zusätzlich können weitere schmerzbedingte Verhaltensänderungen auftreten.


Für die Praxis bedeutet dies, dass plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellen nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden sollte.
Plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellverhalten sollte deshalb nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden.


Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:
Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:
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* Berührungs- oder Bewegungsempfindlichkeit
* Berührungs- oder Bewegungsempfindlichkeit
* Problemen beim Aufstehen oder Hinlegen
* Problemen beim Aufstehen oder Hinlegen
* verändertem Schlaf
* verändertem Schlafverhalten
* verminderter Aktivität
* verminderter Aktivität
* Reizbarkeit
* ungewöhnlicher Reizbarkeit
* altersbedingten Veränderungen
* altersbedingten Verhaltensveränderungen
* gleichzeitig auftretenden körperlichen Symptomen
* zusätzlichen körperlichen Symptomen


== Trennungsbezogenes Verhalten ==
== Trennungsbezogenes Verhalten ==


Übermäßige Vokalisation ist ein häufig beschriebenes Merkmal trennungsbezogener Verhaltensprobleme.
Übermäßige Vokalisation kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein.<ref name="Blackwell2006" /><ref name="Sargisson2014" />


Weitere mögliche Zeichen sind:
Weitere mögliche Verhaltensweisen während des Alleinseins können sein:


* Unruhe
* Unruhe
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Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden.
Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden.


Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit des Halters können wichtige Informationen liefern.
Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit können helfen, Beginn, Verlauf und Intensität des Verhaltens zu beurteilen.


In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten nach zwölf Wochen Verhaltenstherapie '''56 %''' der Halter eine deutliche Verbesserung und weitere '''25 %''' eine leichte Verbesserung. Die Besitzerberichte wurden grundsätzlich durch Videoaufzeichnungen der allein gelassenen Hunde gestützt.<ref>Blackwell, E. J.; Casey, R. A.; Bradshaw, J. W. S. (2006). A controlled trial of behavioural therapy for separation-related problems in domestic dogs. ''Veterinary Record'', 158(16), 551–554. doi:10.1136/vr.158.16.551.</ref>
In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten Halter nach einem strukturierten Verhaltenstherapieprogramm bei einem großen Teil der betroffenen Hunde Verbesserungen.<ref name="Blackwell2006" />


Bei Trennungsproblemen sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, das Bellen zu unterdrücken.
Bei trennungsbezogenem Bellverhalten sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, die Lautäußerung zu unterdrücken.


== Geräuschangst und Geräuschsensitivität ==
== Geräuschangst und Geräuschsensitivität ==


Geräuschängste gehören zu den häufigen Verhaltensproblemen bei Haushunden.<ref>Riemer, S. (2023). Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. ''Animals'', 13(23), 3664. doi:10.3390/ani13233664.</ref>
Geräuschängste können bei Haushunden zu erheblichen Stressreaktionen führen.<ref name="Blackwell2013">Blackwell, E. J.; Bradshaw, J. W. S.; Casey, R. A. (2013). Fear responses to noises in domestic dogs: prevalence, risk factors and co-occurrence with other fear related behaviour. ''Applied Animal Behaviour Science'', 145(1–2), 15–25.</ref><ref name="Riemer2023">Riemer, S. (2023). Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. ''Animals'', 13(23), 3664. doi:10.3390/ani13233664.</ref>


Auslöser können beispielsweise sein:
Mögliche Auslöser sind beispielsweise:


* Feuerwerk
* Feuerwerk
Zeile 317: Zeile 303:
* plötzlich zufallende Türen
* plötzlich zufallende Türen


Mögliche Reaktionen umfassen neben Bellen unter anderem:
Mögliche Reaktionen sind:


* Bellen
* Fluchtverhalten
* Fluchtverhalten
* Verstecken
* Verstecken
Zeile 328: Zeile 315:
* Nähe suchen
* Nähe suchen


Riemer unterscheidet bei der Behandlung zwischen kurzfristigen Maßnahmen während unvermeidbarer Geräuschereignisse und längerfristigem Training.<ref>Riemer (2023), s. o.</ref>
Bei der Behandlung können abhängig vom individuellen Fall verschiedene Elemente kombiniert werden.<ref name="Riemer2023" />


Je nach individuellem Fall können Bestandteile sein:
Dazu gehören beispielsweise:


* Management
* Management
* Schaffung eines sicheren Rückzugsortes
* sichere Rückzugsmöglichkeiten
* kontrollierte Geräuschexposition
* kontrollierte Geräuschexposition
* Desensibilisierung
* systematische Desensibilisierung
* Gegenkonditionierung
* Gegenkonditionierung
* vorbeugendes Training
* vorbeugendes Training
* tierärztlich verordnete pharmakologische Unterstützung bei entsprechend schwerer Symptomatik
* bei entsprechender Indikation tierärztlich verordnete medikamentöse Unterstützung
 
Auch präventives Training und positive Erfahrungen mit Geräuschen können eine wichtige Rolle spielen.<ref>Riemer (2023), s. o.</ref>


== Grundprinzipien des Trainings ==
== Grundprinzipien des Trainings ==


Das Trainingsziel sollte nicht ausschließlich lauten:
Das Trainingsziel sollte nicht ausschließlich darin bestehen, das Bellen zu unterdrücken.


'''„Der Hund darf nicht bellen.“'''
Entscheidend ist vielmehr, welche Reaktion und welcher emotionale Zustand langfristig an die Stelle des bisherigen Verhaltens treten sollen.


Sinnvoller ist die Frage:
Mögliche Trainingsziele sind:
 
'''Welches Verhalten und welcher emotionale Zustand sollen stattdessen entstehen?'''
 
Mögliche Ziele sind:


* geringere Erregung
* ruhigere Wahrnehmung eines Auslösers
* ruhigere Wahrnehmung eines Auslösers
* geringere Erregung
* Orientierung zum Menschen
* Orientierung zum Menschen
* größere Distanz zum Auslöser
* selbstständige Distanzvergrößerung
* Gang zu einem Ruheplatz
* Gang zu einem Ruheplatz
* kontrollierter Rückzug
* kontrollierter Rückzug
* schnelleres Wiedererlangen von Ansprechbarkeit
* schnellere Wiederherstellung der Ansprechbarkeit


== Management ==
== Management ==


Management reduziert Situationen, in denen ein problematisches Verhalten immer wieder ausgelöst und geübt wird.
Management reduziert Situationen, in denen problematisches Bellverhalten immer wieder ausgelöst und eingeübt wird.


Mögliche Maßnahmen sind:
Mögliche Maßnahmen sind:
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* Geräuschmaskierung
* Geräuschmaskierung
* planbare Besuchssituationen
* planbare Besuchssituationen
* Veränderung von Spazierwegen oder Trainingszeiten
* Anpassung von Spazierwegen oder Trainingszeiten


Management ist kein Ersatz für Training, kann aber die Voraussetzungen schaffen, unter denen Lernen überhaupt möglich ist.
Management ersetzt das Training nicht, kann jedoch die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen verbessern.


== Reizintensität und Lernfähigkeit ==
== Reizintensität und Lernfähigkeit ==


Training sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber noch lernfähig und ansprechbar bleibt.
Training sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber weiterhin ansprechbar und lernfähig bleibt.


Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:
Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:
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* Anzahl gleichzeitig auftretender Reize
* Anzahl gleichzeitig auftretender Reize


Zu schnelle Steigerungen können zu hoher Erregung führen und den Trainingserfolg erschweren.
Eine zu schnelle Steigerung kann zu hoher Erregung führen und Lernprozesse erschweren.


== Gegenkonditionierung ==
== Gegenkonditionierung ==


Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser zuverlässig eine positive Konsequenz ankündigt.
Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser wiederholt eine für den Hund positive Konsequenz ankündigt.


Beispiel:
Beispiel:


'''Klingel Futter'''
'''Klingelton hochwertige Belohnung'''


Der Klingelton erscheint zuerst und kündigt anschließend die Belohnung an.
Der Auslöser erscheint zuerst. Anschließend folgt die positive Konsequenz.


Ziel ist nicht nur die kurzfristige Unterbrechung des Bellens, sondern eine Veränderung der Erwartung gegenüber dem Auslöser.
Das Ziel besteht nicht nur darin, aktuelles Bellen zu unterbrechen, sondern die Erwartung gegenüber dem Auslöser langfristig zu verändern.


== Systematische Desensibilisierung ==
== Systematische Desensibilisierung ==
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Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht.
Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht.


Beispiel:
Ein möglicher Aufbau bei einer Türklingel kann beispielsweise sein:
 
# Klingelton mit sehr geringer Lautstärke


# sehr leiser Klingelton
# Klingelton mit höherer Lautstärke


# normaler Klingelton
# Klingelton in realistischer Lautstärke


# Klingel + Bewegung vor der Tür
# Klingelton und Bewegung vor der Tür


# Klingel + bekannte Person
# Klingelton und bekannte Person


# kontrollierter Besuch
# kontrollierter Besuch


# zunehmend realistische Alltagssituationen
# Übertragung auf unterschiedliche Alltagssituationen


Die nächste Stufe sollte erst erfolgen, wenn die vorherige zuverlässig bewältigt werden kann.
Die Schwierigkeit sollte so angepasst werden, dass der Hund möglichst weiterhin lernfähig bleibt.


== Alternative Verhaltensweisen ==
== Alternative Verhaltensweisen ==


Statt nur Bellen zu verhindern, können geeignete Alternativverhaltensweisen aufgebaut und verstärkt werden.
Statt ausschließlich das Bellen verhindern zu wollen, können geeignete Alternativverhaltensweisen gezielt aufgebaut und verstärkt werden.


Beispiele:
Mögliche Alternativen sind:


* Blick zum Menschen
* Blick zum Menschen
Zeile 440: Zeile 423:
* ruhiges Liegen
* ruhiges Liegen
* Distanzvergrößerung
* Distanzvergrößerung
* U-Turn
* Richtungswechsel
* Orientierungssignal
* Orientierungssignal


Dabei können Verfahren der '''differenziellen Verstärkung''' eingesetzt werden.
== Bellen an der Haustür ==


== Praxisbeispiel: Bellen an der Haustür ==
=== Typische Auslöser ===


=== Typische Auslöser ===
Mögliche Auslöser sind:


* Türklingel
* Türklingel
Zeile 453: Zeile 436:
* Schritte im Treppenhaus
* Schritte im Treppenhaus
* Stimmen
* Stimmen
* Bewegungen an der Tür
* Bewegungen vor der Tür
* Bewegungen am Fenster
* Bewegungen am Fenster
* Geräusche, die einen Besucher ankündigen
* Geräusche, die einen Besucher ankündigen
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=== Trainingsaufbau ===
=== Trainingsaufbau ===


# '''Auslöser identifizieren'''
Ein möglicher Trainingsaufbau ist:
 
# Auslöser möglichst genau identifizieren.


# '''Einzelne Reize zunächst getrennt trainieren'''
# Einzelne Reize zunächst getrennt trainieren.


# '''Mit niedriger Intensität beginnen'''
# Mit niedriger Reizintensität beginnen.


# '''Reiz positive Konsequenz'''
# Den Reiz zuverlässig eine positive Konsequenz ankündigen lassen.


# '''Orientierung zum Menschen aufbauen'''
# Orientierung zum Menschen aufbauen.


# '''gegebenenfalls Gang zur Matte trainieren'''
# Bei Bedarf einen Gang zu einem Ruheplatz trainieren.


# '''Schwierigkeit schrittweise erhöhen'''
# Reizintensität schrittweise erhöhen.


# '''mehrere Reize später kombinieren'''
# Erst später mehrere Auslöser miteinander kombinieren.


# '''Training mit bekannten Personen'''
# Kontrolliert mit bekannten Personen üben.


# '''anschließend Übertragung in Alltagssituationen'''
# Das Verhalten anschließend auf reale Alltagssituationen übertragen.


=== Mögliches Zielverhalten ===
=== Mögliches Zielverhalten ===


Ein realistisches Trainingsziel kann sein:
Ein mögliches alltagstaugliches Ziel kann sein:


'''Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zur Matte gehen → wieder zur Ruhe kommen'''
'''Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zum Ruheplatz gehen → wieder zur Ruhe kommen'''


Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das notwendige oder sinnvollste Trainingsziel sein.
Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das einzige sinnvolle Trainingsziel sein.


== Bellen bei Alltagsgeräuschen ==
== Bellen bei Alltagsgeräuschen ==


Bei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann Training aus mehreren Komponenten bestehen.
Bei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann das Training aus mehreren Komponenten bestehen.
 
=== Management ===


=== Prävention und Management ===
Mögliche Maßnahmen sind:


* ruhiger Rückzugsort
* ruhiger Rückzugsort
* visuelle Reize reduzieren
* Reduktion visueller Reize
* störende Geräusche gegebenenfalls maskieren
* gegebenenfalls Maskierung bestimmter Geräusche
* unnötige starke Exposition reduzieren
* Reduktion unnötiger starker Reizexposition


=== Kontrolliertes Training ===
=== Kontrolliertes Training ===


Geräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson erzeugt werden.
Geräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson kontrolliert erzeugt werden.


Der Reiz wird so präsentiert, dass der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren.
Der Reiz wird zunächst in einer Intensität präsentiert, in der der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren.


Anschließend erfolgt eine positive Konsequenz.
Anschließend kann eine positive Konsequenz folgen.


=== Übertragung in den Alltag ===
=== Übertragung in den Alltag ===


Zeigt der Hund bei einem Geräusch eine kurze Orientierungsreaktion und bleibt ansprechbar, kann genau dieses Verhalten verstärkt werden.
Nimmt der Hund ein Geräusch wahr und bleibt dabei ansprechbar, kann dieses Verhalten gezielt verstärkt werden.
 
Mit zunehmender Sicherheit können unterschiedliche Geräusche, Intensitäten und Situationen trainiert werden.


== Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen ==
== Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen ==


Bei vermutetem Forderungsbellen sollte untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte.
Bei vermutetem Aufmerksamkeits- oder Forderungsbellen sollte zunächst untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte.


Hilfreich können sein:
Mögliche Trainingsansätze sind:


* ruhiges Verhalten häufiger verstärken
* ruhiges Verhalten gezielt verstärken
* Bedürfnisse vorausschauend berücksichtigen
* Bedürfnisse vorausschauend berücksichtigen
* gewünschte Alternativverhaltensweisen trainieren
* gewünschte Alternativverhaltensweisen aufbauen
* unbeabsichtigte Verstärkung des Bellens vermeiden
* unbeabsichtigte Verstärkung des Bellens vermeiden


'''Ignorieren ist jedoch keine allgemeine Behandlungsmethode für Bellen.'''
'''Ignorieren ist keine allgemeingültige Behandlungsmethode für Bellen.'''


Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln.
Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln.
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== Leinen- und Zaunbellen ==
== Leinen- und Zaunbellen ==


Bei hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst Distanz zum Auslöser geschaffen werden.
Bei Bellen im Zusammenhang mit hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst die Distanz zum Auslöser vergrößert werden.


Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:
Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:
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* Handtarget
* Handtarget
* Orientierung am Menschen
* Orientierung am Menschen
* Training unterhalb hoher Erregung
* Training bei ausreichend großer Distanz


Das Training sollte möglichst beginnen, bevor der Hund so stark erregt ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist.
Das Training sollte möglichst beginnen, bevor das Erregungsniveau so hoch ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist.


== Aversive Trainingsmethoden ==
== Aversive Trainingsmethoden ==


Aversive Trainingsmethoden arbeiten mit unangenehmen oder schmerzhaften Reizen beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung.
Aversive Trainingsmethoden verwenden unangenehme oder schmerzhafte Reize beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung.
 
Vieira de Castro und Kollegen untersuchten '''92 Haushunde''' aus Hundeschulen mit überwiegend belohnungsbasiertem, gemischtem oder überwiegend aversivem Training.<ref>Vieira de Castro, A. C.; Fuchs, D.; Morello, G. M.; Pastur, S.; de Sousa, L.; Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. ''PLOS ONE'', 15(12), e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023.</ref>
 
Hunde aus der stärker aversiv trainierten Gruppe zeigten:


* mehr stressassoziierte Verhaltensweisen
Vieira de Castro und Kollegen verglichen Hunde aus Hundeschulen mit unterschiedlich starkem Einsatz aversiver Trainingsmethoden.<ref name="Vieira2020">Vieira de Castro, A. C.; Fuchs, D.; Morello, G. M.; Pastur, S.; de Sousa, L.; Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. ''PLOS ONE'', 15(12), e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023.</ref>
* häufiger angespannte beziehungsweise niedrige Körperhaltungen
* häufiger Hecheln
* stärkere Cortisolanstiege nach dem Training


Hunde aus der ausschließlich aversiv trainierten Gruppe zeigten darüber hinaus in einem Cognitive-Bias-Test pessimistischere Reaktionen als Hunde aus der belohnungsbasierten Gruppe.<ref>Vieira de Castro et al. (2020), s. o.</ref>
Hunde aus stärker aversiv arbeitenden Trainingsgruppen zeigten unter anderem mehr stressassoziierte Verhaltensweisen. Auch Unterschiede bei physiologischen Stressparametern und in einem Cognitive-Bias-Test wurden festgestellt.<ref name="Vieira2020" />


Ein Review von Ziv kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren Risiken für das körperliche und psychische Wohlbefinden von Hunden bergen.<ref>Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. ''Journal of Veterinary Behavior'', 19, 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004.</ref>
Ein Review von Ziv kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren mit Risiken für das Wohlbefinden von Hunden verbunden sein können.<ref name="Ziv2017">Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. ''Journal of Veterinary Behavior'', 19, 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004.</ref>


Aus verhaltensbiologischer und tierschutzorientierter Sicht sollten deshalb möglichst wenig aversive und belohnungsbasierte Verfahren bevorzugt werden.
Belohnungsbasierte und möglichst wenig aversive Trainingsverfahren sind deshalb aus Tierschutz- und Wohlfahrtsperspektive zu bevorzugen.


== Bellen und Lärmbelastung ==
== Bellen und Lärmbelastung ==


In Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen sehr hohe Geräuschpegel entstehen.
In Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen hohe Geräuschpegel entstehen.


Sales und Kollegen dokumentierten teilweise Schalldruckpegel von mehr als '''100 dB''' und diskutierten die Lärmbelastung ausdrücklich als mögliches Problem für das Wohlbefinden der dort untergebrachten Hunde.<ref>Sales, G.; Hubrecht, R.; Peyvandi, A.; Milligan, S.; Shield, B. (1997). Noise in dog kennelling: Is barking a welfare problem for dogs? ''Applied Animal Behaviour Science'', 52(3–4), 321–329. doi:10.1016/S0168-1591(96)01132-X.</ref>
Sales und Kollegen dokumentierten in solchen Umgebungen teilweise Schalldruckpegel von mehr als 100 dB und diskutierten die Geräuschbelastung als mögliches Wohlfahrtsproblem für die untergebrachten Hunde.<ref name="Sales1997">Sales, G.; Hubrecht, R.; Peyvandi, A.; Milligan, S.; Shield, B. (1997). Noise in dog kennelling: Is barking a welfare problem for dogs? ''Applied Animal Behaviour Science'', 52(3–4), 321–329. doi:10.1016/S0168-1591(96)01132-X.</ref>


== Wann fachliche Hilfe sinnvoll ist ==
== Wann fachliche Hilfe sinnvoll ist ==
Zeile 573: Zeile 555:
* Verdacht auf Schmerzen
* Verdacht auf Schmerzen
* deutlichen Angstreaktionen
* deutlichen Angstreaktionen
* schwerem Trennungsstress
* starkem trennungsbezogenem Verhalten
* ausgeprägter Geräuschangst
* ausgeprägter Geräuschangst
* altersbedingten Verhaltensveränderungen
* altersbedingten Verhaltensveränderungen
* stark eingeschränktem Wohlbefinden
* deutlicher Einschränkung des Wohlbefindens
* selbstverletzendem Verhalten
* selbstverletzendem Verhalten
* zunehmender Aggression
* zunehmender Aggression
* schwer kontrollierbaren Eskalationen
* schwer kontrollierbaren Eskalationen


Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen oder Verhaltensberater:innen sinnvoll sein.
Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen beziehungsweise Verhaltensberater:innen sinnvoll sein.


== Zusammenfassung ==
== Zusammenfassung ==
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Bellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen.
Bellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen.


Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute verschiedener Situationen statistisch voneinander unterscheiden. Dennoch existiert kein wissenschaftlich belegtes einfaches „Bell-Wörterbuch“, mit dem einzelne Laute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten.
Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute aus verschiedenen Situationen statistisch unterscheiden können. Daraus lässt sich jedoch kein einfaches „Bell-Wörterbuch“ ableiten, mit dem einzelne Belllaute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten.


Für die Beurteilung sind deshalb insbesondere relevant:
Für die Beurteilung sind insbesondere relevant:


* Kontext
* Kontext
* Körpersprache
* Körpersprache
* Emotion und Erregung
* emotionaler Zustand
* Erregungsniveau
* Auslöser
* Auslöser
* Lerngeschichte
* Lerngeschichte
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* körperlicher Zustand
* körperlicher Zustand


Die zentrale Frage sollte nicht nur lauten:
Für Training und Verhaltensberatung ist daher nicht nur die Frage wichtig, wie Bellen reduziert werden kann, sondern vor allem, warum der betreffende Hund in der jeweiligen Situation bellt und welches alternative Verhalten beziehungsweise welcher alternative emotionale Zustand aufgebaut werden soll.
 
'''„Wie verhindere ich das Bellen?“'''
 
sondern:
 
'''„Warum bellt dieser Hund in genau dieser Situation und was braucht er, um anders reagieren zu können?“'''


== Siehe auch ==
== Siehe auch ==

Version vom 15. August 2026, 21:54 Uhr

Bellen ist eine häufige Lautäußerung des Haushundes (Canis familiaris). Abhängig von Situation, emotionalem Zustand, Motivation und Lerngeschichte kann Bellen unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Bellen sollte deshalb nicht als einheitliches Verhalten mit einer einzigen Ursache betrachtet werden. Ähnlich aussehendes Bellverhalten kann beispielsweise mit Alarmbereitschaft, sozialem Kontakt, Frustration, Angst, hoher Erregung oder erlernten Konsequenzen zusammenhängen.

Im Vergleich zu Wölfen tritt Bellen beim Haushund häufiger und in einer größeren Zahl sozialer Situationen auf.[1][2]

Funktionale Betrachtung

Für Training und Verhaltensberatung ist zunächst entscheidend, welche Funktion das Bellen für den jeweiligen Hund in der jeweiligen Situation erfüllt.

Dabei sollten unter anderem folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • auslösender Reiz
  • Situation und Umgebung
  • Distanz zum Auslöser
  • emotionaler Zustand
  • Erregungsniveau
  • Körpersprache
  • Verhalten unmittelbar vor dem Bellen
  • Konsequenzen des Bellens
  • bisherige Lernerfahrungen
  • körperlicher und gesundheitlicher Zustand

Ein Hund, der beispielsweise am Fenster bellt, kann einen Reiz melden, Distanz herstellen wollen, frustriert sein oder aufgrund wiederholter Konsequenzen gelernt haben, in dieser Situation zu bellen.

Häufige Funktionen und Auslöser

Alarm- und Störungsbellen

Unbekannte Personen, Tiere, Bewegungen oder Geräusche können Bellen auslösen.

Typische Situationen sind:

  • Türklingel oder Klopfen
  • Personen vor dem Grundstück
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche im Treppenhaus
  • fremde Menschen oder Tiere am Zaun

In Untersuchungen unterschieden sich Belllaute aus Störungssituationen akustisch von Belllauten bei Isolation und Spiel.[3]

Kontakt- und Trennungsbellen

Bei räumlicher oder sozialer Trennung können Hunde bellen, jaulen oder andere Lautäußerungen zeigen.

Ausgeprägte Vokalisation beim Alleinbleiben kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein und sollte nicht automatisch als Aufmerksamkeits- oder Forderungsverhalten interpretiert werden.[4][5]

Spiel- und Sozialbellen

Bellen kann Bestandteil sozialer Interaktion und von Spielverhalten sein.

Im Zusammenhang mit Spiel können beispielsweise zusätzlich folgende Verhaltensweisen auftreten:

  • Spielbogen
  • lockere Körperbewegungen
  • Rollenwechsel
  • Annäherung und Rückzug
  • wiederholte Spielaufforderungen

Belllaute während des Spiels unterscheiden sich im Durchschnitt akustisch von Belllauten in Störungssituationen.[3]

Frustrations- und Barrierebellen

Bellen kann auftreten, wenn ein Hund einen relevanten Reiz wahrnimmt, ihn jedoch aufgrund einer Barriere nicht erreichen oder eine gewünschte Handlung nicht ausführen kann.

Typische Situationen sind:

  • ein Hund an der Leine sieht einen anderen Hund
  • ein Hund befindet sich hinter einem Zaun
  • ein Hund beobachtet Menschen oder Tiere durch ein Fenster
  • der Zugang zu einer gewünschten Ressource wird verhindert

Frustration und hohe Erregung können dabei miteinander verbunden sein.[2]

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bellen kann durch seine Konsequenzen gelernt und aufrechterhalten werden.

Folgt auf das Bellen regelmäßig eine für den Hund relevante Konsequenz, kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass das Verhalten in vergleichbaren Situationen erneut auftritt.

Mögliche Konsequenzen sind beispielsweise:

  • Blickkontakt
  • Ansprache
  • Berührung
  • Futter
  • Spiel
  • Öffnen einer Tür
  • Zugang zu einer gewünschten Ressource

Für die Beurteilung ist deshalb nicht nur der Auslöser wichtig, sondern auch die individuelle Lerngeschichte des Hundes.

Angst- und Unsicherheitsbellen

Bellen kann Bestandteil einer Angst-, Unsicherheits- oder Stressreaktion sein.

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • unbekannte Menschen
  • unbekannte Hunde
  • plötzlich auftretende Reize
  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Haushaltsgeräusche
  • ungewohnte Umgebungen

In solchen Situationen sollte nicht allein die Lautäußerung betrachtet werden. Körpersprache, Distanzverhalten, Vermeidung, Erstarren und weitere Stressreaktionen können wichtige Informationen über den emotionalen Zustand liefern.

Akustischer Informationsgehalt des Bellens

Bellen ist akustisch kein vollständig einheitlicher Laut.

Yin und McCowan untersuchten mehrere Tausend Belllaute von Haushunden in unterschiedlichen Situationen. Die Belllaute bildeten keine vollständig voneinander getrennten Kategorien. Stattdessen zeigten sich graduelle Unterschiede verschiedener akustischer Eigenschaften.[3]

Kontextabhängige Unterschiede

Zwischen Belllauten aus unterschiedlichen Situationen konnten statistische Unterschiede festgestellt werden.

Untersuchte Merkmale waren unter anderem:

  • Frequenzeigenschaften
  • Tonalität
  • Frequenzmodulation
  • Lautdauer
  • Amplitudenvariation

Belllaute aus Störungssituationen unterschieden sich dabei im Durchschnitt von Belllauten während Isolation oder Spiel.[3]

Die Ergebnisse zeigen, dass Belllaute Informationen über den Kontext enthalten können.

Kontext und individuelle Merkmale

Bestimmte akustische Eigenschaften waren stärker mit der jeweiligen Situation verbunden, andere stärker mit dem individuellen Hund.[3]

Auch weitere Untersuchungen zeigten, dass Hunde zwischen Belllauten verschiedener Situationen und verschiedener Individuen unterscheiden können.[6]

Maschinelle Klassifikationsverfahren konnten ebenfalls Eigenschaften von Belllauten nutzen, um Situationen beziehungsweise einzelne Hunde überzufällig zu unterscheiden.[7]

Kein einfaches Bell-Wörterbuch

Aus den akustischen Unterschieden folgt nicht, dass jedem Belllaut eine feste Bedeutung zugeordnet werden kann.

Eine statistische Beziehung zwischen Kontext und Lautstruktur beweist nicht, dass einzelne Belltypen wie Wörter eine eindeutige Bedeutung besitzen.[3]

Für die praktische Interpretation sollten deshalb mehrere Informationen gemeinsam betrachtet werden:

  • Situation
  • Körpersprache
  • vorausgehende Ereignisse
  • Erregungszustand
  • Verhalten nach dem Bellen
  • individuelle Lerngeschichte

Pauschale Aussagen wie „ein tiefer Bellton bedeutet immer Aggression“ lassen sich daraus nicht ableiten.

Wahrnehmung durch Menschen

Menschen können aus akustischen Eigenschaften von Lautäußerungen Informationen über emotionale Qualität und Intensität ableiten.

Faragó und Kollegen fanden, dass Menschen bei menschlichen und hündischen Lautäußerungen teilweise ähnliche akustische Regeln zur Einschätzung von Valenz und Intensität verwenden.[8]

Auch daraus lässt sich jedoch keine zuverlässige Übersetzung eines einzelnen Belllautes unabhängig vom situativen Kontext ableiten.

Hund und Wolf

Haushunde bellen häufiger und in mehr Situationen als Wölfe.

Bei Wölfen tritt Bellen vergleichsweise selten auf und wird stärker mit bestimmten Warn-, Störungs- und sozialen Situationen in Verbindung gebracht.

Als mögliche Erklärungen für die ausgeprägtere Verwendung des Bellens beim Haushund werden unter anderem Domestikationsprozesse und Veränderungen der sozialen Umwelt diskutiert.[2][1]

Verhaltensanalyse vor dem Training

Vor Beginn eines Trainings sollte möglichst geklärt werden, unter welchen Bedingungen das Bellverhalten auftritt und wodurch es möglicherweise aufrechterhalten wird.

Hilfreiche Fragen sind:

  1. Was geschieht unmittelbar vor dem Bellen?
  1. Welcher Reiz ist vorhanden?
  1. Welche Distanz besteht zum Auslöser?
  1. Wie sieht die Körpersprache aus?
  1. Wie hoch ist das Erregungsniveau?
  1. Kann der Hund noch Futter annehmen?
  1. Kann der Hund bekannte Verhaltensweisen zeigen?
  1. Was geschieht unmittelbar nach dem Bellen?
  1. Entfernt sich der Auslöser?
  1. Erhält der Hund Aufmerksamkeit oder Zugang zu einer Ressource?
  1. Wie lange benötigt der Hund, um anschließend wieder zur Ruhe zu kommen?

Trigger-Tagebuch

Bei häufig auftretendem Bellverhalten kann ein Trigger-Tagebuch helfen, wiederkehrende Muster zu erkennen.

Mögliche Beobachtungskriterien sind:

Kriterium

Die Dokumentation kann dabei helfen, Auslöser, Schwellenbereiche und mögliche Konsequenzen des Verhaltens zu erkennen.

Medizinische Ursachen und Schmerz

Verhaltensveränderungen können mit Schmerzen oder anderen körperlichen Erkrankungen zusammenhängen.

Mills und Kollegen weisen darauf hin, dass Schmerzen bei verhaltensmedizinischen Problemen von Hunden eine erhebliche Rolle spielen können.[9]

Die Autoren beschreiben unterschiedliche Beziehungen zwischen Schmerz und problematischem Verhalten:

  1. Das Verhalten kann eine direkte Folge von Schmerz sein.
  1. Nicht erkannter Schmerz kann einem anderen Verhaltensproblem zugrunde liegen.
  1. Schmerz kann bereits vorhandenes problematisches Verhalten verstärken.
  1. Zusätzlich können weitere schmerzbedingte Verhaltensänderungen auftreten.

Plötzlich auftretendes oder deutlich verändertes Bellverhalten sollte deshalb nicht ausschließlich als Trainingsproblem betrachtet werden.

Eine tierärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Verhalten
  • Berührungs- oder Bewegungsempfindlichkeit
  • Problemen beim Aufstehen oder Hinlegen
  • verändertem Schlafverhalten
  • verminderter Aktivität
  • ungewöhnlicher Reizbarkeit
  • altersbedingten Verhaltensveränderungen
  • zusätzlichen körperlichen Symptomen

Trennungsbezogenes Verhalten

Übermäßige Vokalisation kann Bestandteil eines trennungsbezogenen Verhaltensproblems sein.[4][5]

Weitere mögliche Verhaltensweisen während des Alleinseins können sein:

  • Unruhe
  • wiederholtes Hin- und Herlaufen
  • Zerstörungsverhalten
  • Ausscheidungsverhalten
  • Hecheln
  • Speicheln
  • wiederholte Orientierung an Türen oder Fenstern
  • fehlende Ruhephasen

Die Diagnose sollte nicht allein anhand des Bellens gestellt werden.

Videoaufzeichnungen während der Abwesenheit können helfen, Beginn, Verlauf und Intensität des Verhaltens zu beurteilen.

In einer kontrollierten Untersuchung von Blackwell und Kollegen berichteten Halter nach einem strukturierten Verhaltenstherapieprogramm bei einem großen Teil der betroffenen Hunde Verbesserungen.[4]

Bei trennungsbezogenem Bellverhalten sollte deshalb die zugrunde liegende emotionale Reaktion behandelt werden und nicht lediglich versucht werden, die Lautäußerung zu unterdrücken.

Geräuschangst und Geräuschsensitivität

Geräuschängste können bei Haushunden zu erheblichen Stressreaktionen führen.[10][11]

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • Feuerwerk
  • Gewitter
  • Schüsse
  • Baustellengeräusche
  • Haushaltsgeräte
  • metallische Geräusche
  • Verkehr
  • plötzlich zufallende Türen

Mögliche Reaktionen sind:

  • Bellen
  • Fluchtverhalten
  • Verstecken
  • Zittern
  • Hecheln
  • erhöhte Wachsamkeit
  • Unruhe
  • Erstarren
  • Nähe suchen

Bei der Behandlung können abhängig vom individuellen Fall verschiedene Elemente kombiniert werden.[11]

Dazu gehören beispielsweise:

  • Management
  • sichere Rückzugsmöglichkeiten
  • kontrollierte Geräuschexposition
  • systematische Desensibilisierung
  • Gegenkonditionierung
  • vorbeugendes Training
  • bei entsprechender Indikation tierärztlich verordnete medikamentöse Unterstützung

Grundprinzipien des Trainings

Das Trainingsziel sollte nicht ausschließlich darin bestehen, das Bellen zu unterdrücken.

Entscheidend ist vielmehr, welche Reaktion und welcher emotionale Zustand langfristig an die Stelle des bisherigen Verhaltens treten sollen.

Mögliche Trainingsziele sind:

  • geringere Erregung
  • ruhigere Wahrnehmung eines Auslösers
  • Orientierung zum Menschen
  • selbstständige Distanzvergrößerung
  • Gang zu einem Ruheplatz
  • kontrollierter Rückzug
  • schnellere Wiederherstellung der Ansprechbarkeit

Management

Management reduziert Situationen, in denen problematisches Bellverhalten immer wieder ausgelöst und eingeübt wird.

Mögliche Maßnahmen sind:

  • Sichtschutz an Fenstern oder Zäunen
  • größere Distanz zu Auslösern
  • räumliche Trennung bei Besuch
  • Kindergitter
  • Rückzugsbereiche
  • Geräuschmaskierung
  • planbare Besuchssituationen
  • Anpassung von Spazierwegen oder Trainingszeiten

Management ersetzt das Training nicht, kann jedoch die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen verbessern.

Reizintensität und Lernfähigkeit

Training sollte möglichst in einem Bereich stattfinden, in dem der Hund den Auslöser wahrnimmt, aber weiterhin ansprechbar und lernfähig bleibt.

Die Intensität eines Auslösers kann unter anderem verändert werden durch:

  • Distanz
  • Lautstärke
  • Dauer
  • Geschwindigkeit
  • Bewegungsrichtung
  • Anzahl gleichzeitig auftretender Reize

Eine zu schnelle Steigerung kann zu hoher Erregung führen und Lernprozesse erschweren.

Gegenkonditionierung

Bei der Gegenkonditionierung wird die emotionale Bedeutung eines Auslösers verändert, indem dieser wiederholt eine für den Hund positive Konsequenz ankündigt.

Beispiel:

Klingelton → hochwertige Belohnung

Der Auslöser erscheint zuerst. Anschließend folgt die positive Konsequenz.

Das Ziel besteht nicht nur darin, aktuelles Bellen zu unterbrechen, sondern die Erwartung gegenüber dem Auslöser langfristig zu verändern.

Systematische Desensibilisierung

Bei der systematischen Desensibilisierung wird ein auslösender Reiz zunächst in einer Intensität präsentiert, die der Hund bewältigen kann.

Die Intensität wird anschließend schrittweise erhöht.

Ein möglicher Aufbau bei einer Türklingel kann beispielsweise sein:

  1. Klingelton mit sehr geringer Lautstärke
  1. Klingelton mit höherer Lautstärke
  1. Klingelton in realistischer Lautstärke
  1. Klingelton und Bewegung vor der Tür
  1. Klingelton und bekannte Person
  1. kontrollierter Besuch
  1. Übertragung auf unterschiedliche Alltagssituationen

Die Schwierigkeit sollte so angepasst werden, dass der Hund möglichst weiterhin lernfähig bleibt.

Alternative Verhaltensweisen

Statt ausschließlich das Bellen verhindern zu wollen, können geeignete Alternativverhaltensweisen gezielt aufgebaut und verstärkt werden.

Mögliche Alternativen sind:

  • Blick zum Menschen
  • Handtarget
  • Rückruf vom Fenster
  • Gang zur Matte
  • ruhiges Liegen
  • Distanzvergrößerung
  • Richtungswechsel
  • Orientierungssignal

Bellen an der Haustür

Typische Auslöser

Mögliche Auslöser sind:

  • Türklingel
  • Klopfen
  • Schritte im Treppenhaus
  • Stimmen
  • Bewegungen vor der Tür
  • Bewegungen am Fenster
  • Geräusche, die einen Besucher ankündigen

Trainingsaufbau

Ein möglicher Trainingsaufbau ist:

  1. Auslöser möglichst genau identifizieren.
  1. Einzelne Reize zunächst getrennt trainieren.
  1. Mit niedriger Reizintensität beginnen.
  1. Den Reiz zuverlässig eine positive Konsequenz ankündigen lassen.
  1. Orientierung zum Menschen aufbauen.
  1. Bei Bedarf einen Gang zu einem Ruheplatz trainieren.
  1. Reizintensität schrittweise erhöhen.
  1. Erst später mehrere Auslöser miteinander kombinieren.
  1. Kontrolliert mit bekannten Personen üben.
  1. Das Verhalten anschließend auf reale Alltagssituationen übertragen.

Mögliches Zielverhalten

Ein mögliches alltagstaugliches Ziel kann sein:

Geräusch wahrnehmen → zum Menschen orientieren → gegebenenfalls zum Ruheplatz gehen → wieder zur Ruhe kommen

Vollständige Lautlosigkeit muss nicht in jedem Fall das einzige sinnvolle Trainingsziel sein.

Bellen bei Alltagsgeräuschen

Bei wiederkehrenden Haus- und Umweltgeräuschen kann das Training aus mehreren Komponenten bestehen.

Management

Mögliche Maßnahmen sind:

  • ruhiger Rückzugsort
  • Reduktion visueller Reize
  • gegebenenfalls Maskierung bestimmter Geräusche
  • Reduktion unnötiger starker Reizexposition

Kontrolliertes Training

Geräusche können beispielsweise über Aufnahmen oder durch eine Hilfsperson kontrolliert erzeugt werden.

Der Reiz wird zunächst in einer Intensität präsentiert, in der der Hund ihn wahrnimmt, ohne stark zu eskalieren.

Anschließend kann eine positive Konsequenz folgen.

Übertragung in den Alltag

Nimmt der Hund ein Geräusch wahr und bleibt dabei ansprechbar, kann dieses Verhalten gezielt verstärkt werden.

Mit zunehmender Sicherheit können unterschiedliche Geräusche, Intensitäten und Situationen trainiert werden.

Aufmerksamkeits- und Forderungsbellen

Bei vermutetem Aufmerksamkeits- oder Forderungsbellen sollte zunächst untersucht werden, welche Konsequenzen das Verhalten bisher hatte.

Mögliche Trainingsansätze sind:

  • ruhiges Verhalten gezielt verstärken
  • Bedürfnisse vorausschauend berücksichtigen
  • gewünschte Alternativverhaltensweisen aufbauen
  • unbeabsichtigte Verstärkung des Bellens vermeiden

Ignorieren ist keine allgemeingültige Behandlungsmethode für Bellen.

Bei Angst, Schmerzen, Trennungsstress oder anderen belastenden emotionalen Zuständen würde reines Ignorieren die zugrunde liegende Ursache nicht behandeln.

Leinen- und Zaunbellen

Bei Bellen im Zusammenhang mit hoher Erregung, Frustration oder Konflikten an Barrieren kann zunächst die Distanz zum Auslöser vergrößert werden.

Mögliche Trainings- und Managementelemente sind:

  • Bögen laufen
  • Distanz vergrößern
  • frühzeitiger Richtungswechsel
  • U-Turn
  • Handtarget
  • Orientierung am Menschen
  • Training bei ausreichend großer Distanz

Das Training sollte möglichst beginnen, bevor das Erregungsniveau so hoch ist, dass alternatives Verhalten kaum noch möglich ist.

Aversive Trainingsmethoden

Aversive Trainingsmethoden verwenden unangenehme oder schmerzhafte Reize beziehungsweise deren Androhung oder Entfernung.

Vieira de Castro und Kollegen verglichen Hunde aus Hundeschulen mit unterschiedlich starkem Einsatz aversiver Trainingsmethoden.[12]

Hunde aus stärker aversiv arbeitenden Trainingsgruppen zeigten unter anderem mehr stressassoziierte Verhaltensweisen. Auch Unterschiede bei physiologischen Stressparametern und in einem Cognitive-Bias-Test wurden festgestellt.[12]

Ein Review von Ziv kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass aversive Trainingsverfahren mit Risiken für das Wohlbefinden von Hunden verbunden sein können.[13]

Belohnungsbasierte und möglichst wenig aversive Trainingsverfahren sind deshalb aus Tierschutz- und Wohlfahrtsperspektive zu bevorzugen.

Bellen und Lärmbelastung

In Zwinger- und Tierheimumgebungen können durch Bellen hohe Geräuschpegel entstehen.

Sales und Kollegen dokumentierten in solchen Umgebungen teilweise Schalldruckpegel von mehr als 100 dB und diskutierten die Geräuschbelastung als mögliches Wohlfahrtsproblem für die untergebrachten Hunde.[14]

Wann fachliche Hilfe sinnvoll ist

Eine tierärztliche beziehungsweise verhaltensmedizinische Abklärung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • plötzlich verändertem Bellverhalten
  • Verdacht auf Schmerzen
  • deutlichen Angstreaktionen
  • starkem trennungsbezogenem Verhalten
  • ausgeprägter Geräuschangst
  • altersbedingten Verhaltensveränderungen
  • deutlicher Einschränkung des Wohlbefindens
  • selbstverletzendem Verhalten
  • zunehmender Aggression
  • schwer kontrollierbaren Eskalationen

Bei komplexen oder länger bestehenden Verhaltensproblemen kann zusätzlich die Begleitung durch qualifizierte Hundetrainer:innen beziehungsweise Verhaltensberater:innen sinnvoll sein.

Zusammenfassung

Bellen ist eine normale Lautäußerung des Hundes und kann unterschiedliche kommunikative, emotionale und erlernte Funktionen erfüllen.

Akustische Untersuchungen zeigen, dass sich Belllaute aus verschiedenen Situationen statistisch unterscheiden können. Daraus lässt sich jedoch kein einfaches „Bell-Wörterbuch“ ableiten, mit dem einzelne Belllaute unabhängig vom Kontext eindeutig übersetzt werden könnten.

Für die Beurteilung sind insbesondere relevant:

  • Kontext
  • Körpersprache
  • emotionaler Zustand
  • Erregungsniveau
  • Auslöser
  • Lerngeschichte
  • Konsequenzen des Verhaltens
  • körperlicher Zustand

Für Training und Verhaltensberatung ist daher nicht nur die Frage wichtig, wie Bellen reduziert werden kann, sondern vor allem, warum der betreffende Hund in der jeweiligen Situation bellt und welches alternative Verhalten beziehungsweise welcher alternative emotionale Zustand aufgebaut werden soll.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Siniscalchi, M.; d’Ingeo, S.; Minunno, M.; Quaranta, A. (2018). Communication in Dogs. Animals, 8(8), 131. doi:10.3390/ani8080131.
  2. 2,0 2,1 2,2 Pongrácz, P.; Molnár, C.; Miklósi, Á. (2010). Barking in family dogs: an ethological approach. The Veterinary Journal, 183(2), 141–147. doi:10.1016/j.tvjl.2008.12.010.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Yin, S.; McCowan, B. (2004). Barking in domestic dogs: context specificity and individual identification. Animal Behaviour, 68(2), 343–355. doi:10.1016/j.anbehav.2003.07.016.
  4. 4,0 4,1 4,2 Blackwell, E. J.; Casey, R. A.; Bradshaw, J. W. S. (2006). A controlled trial of behavioural therapy for separation-related problems in domestic dogs. Veterinary Record, 158(16), 551–554. doi:10.1136/vr.158.16.551.
  5. 5,0 5,1 Sargisson, R. J. (2014). Canine separation anxiety: strategies for treatment and prevention. Veterinary Medicine: Research and Reports, 5, 143–151.
  6. Molnár, C.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2009). Dogs discriminate between barks: The effect of context and identity of the caller. Behavioural Processes, 82(2), 198–201. doi:10.1016/j.beproc.2009.06.011.
  7. Molnár, C.; Kaplan, F.; Roy, P.; Pachet, F.; Pongrácz, P.; Dóka, A.; Miklósi, Á. (2008). Classification of dog barks: a machine learning approach. Animal Cognition, 11(3), 389–400. doi:10.1007/s10071-007-0129-9.
  8. Faragó, T.; Andics, A.; Devecseri, V.; Kis, A.; Gácsi, M.; Miklósi, Á. (2014). Humans rely on the same rules to assess emotional valence and intensity in conspecific and dog vocalizations. Biology Letters, 10(1), 20130926. doi:10.1098/rsbl.2013.0926.
  9. Mills, D. S.; Demontigny-Bédard, I.; Gruen, M.; Klinck, M. P.; McPeake, K. J.; Barcelos, A. M.; Hewison, L.; Van Haevermaet, H.; Denenberg, S.; Hauser, H.; Koch, C.; Ballantyne, K.; Wilson, C.; Mathkari, C. V.; Pounder, J.; Garcia, E.; Darder, P.; Fatjó, J.; Levine, E. (2020). Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. Animals, 10(2), 318. doi:10.3390/ani10020318.
  10. Blackwell, E. J.; Bradshaw, J. W. S.; Casey, R. A. (2013). Fear responses to noises in domestic dogs: prevalence, risk factors and co-occurrence with other fear related behaviour. Applied Animal Behaviour Science, 145(1–2), 15–25.
  11. 11,0 11,1 Riemer, S. (2023). Therapy and Prevention of Noise Fears in Dogs—A Review of the Current Evidence for Practitioners. Animals, 13(23), 3664. doi:10.3390/ani13233664.
  12. 12,0 12,1 Vieira de Castro, A. C.; Fuchs, D.; Morello, G. M.; Pastur, S.; de Sousa, L.; Olsson, I. A. S. (2020). Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023.
  13. Ziv, G. (2017). The effects of using aversive training methods in dogs—A review. Journal of Veterinary Behavior, 19, 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004.
  14. Sales, G.; Hubrecht, R.; Peyvandi, A.; Milligan, S.; Shield, B. (1997). Noise in dog kennelling: Is barking a welfare problem for dogs? Applied Animal Behaviour Science, 52(3–4), 321–329. doi:10.1016/S0168-1591(96)01132-X.