Anamnese-Leitfaden: Unterschied zwischen den Versionen

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= Anamnese-Leitfaden (C-BARQ-basiert) =
= Verhaltensanamnese & Problemanalyse (Master-Leitfaden) =
__TOC__


== Ziel ==
== 0) Ziel & Prinzipien ==
* Strukturierter Gesprächsablauf zur Verhaltensanamnese.
;Ziel
* Ergebnis am Ende: 1–2 Hauptbaustellen + konkrete nächste Schritte ([[Training]] & [[Management]]).
* Systematisches Erfassen von Problemverhalten + Priorisierung + erster wirksamer Plan.
* Output: 1 Hauptproblem + 0–1 Nebenproblem, jeweils mit Management (sofort) + Training (Plan) + Hausaufgabe.


== Vorbereitung ==
;Prinzipien (für die Gesprächsführung)
* Zeitraum: [[Verhalten]] der letzten Wochen/Monate (\"aktuelle Vergangenheit\" des Kundenberichts).
* Mit dem Problem anfangen, dann Kontext/W-Fragen, dann Muster (Chronologie/ABC).
* Antwortskala pro Item:
* Nicht moralisch bewerten; Verhalten ist für den Hund funktional (Symptom – Ursachen/Auslöser klären).
* Erst Sicherheit/Management, dann Training. Ernstfall und Training sauber trennen.
 
== 1) Vorab-Screening (Telefon/Online, 10–15 Min) ==
;1.1 Kurzcheck
* Was stört am meisten? (1 Satz, beobachtbar)
* Seit wann? Verlauf (besser/schlechter/Sprünge)?
* Häufigkeit pro Woche / Intensität (0–4)?
* Sicherheitsrelevant? (Beißvorfall/Beinahe-Biss/Kind im Haushalt)
* Kann der Halter den Hund sicher kontrollieren? (Leine, Handling, Kraft)
* Verdacht auf Schmerz/medizinische Themen? (plötzlich, Berührungsempfindlichkeit, Schonung)
 
;1.2 Mitbringen / Vorbereiten (Checkliste)
* 1–3 kurze Videos (nur wenn sicher möglich)
* Liste: Top-5 Trigger/Situationen
* Equipment, das real genutzt wird (Geschirr/Leinen/Maulkorb falls vorhanden)
* Optional: Fragebogen (C-BARQ-Kurzscreening; siehe Abschnitt 4)
 
== 2) Termin 1 (ca. 60 Min) – Anamnese & Problemanalyse ==
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Zeit !! Modul !! Ergebnis
|-
| 5 Min || Einstieg & Skala || Rahmen, Ton, Vorgehen
|-
| 10 Min || Starterfragen + Triage || Kontext + Sicherheits-/Medizin-Gates
|-
| 25 Min || Problemanalyse (W-Fragen + Chronologie + ABC) || Muster + Hypothesen
|-
| 15 Min || Screening (Module nach Bedarf) || Clusterwahl (Haupt/Neben)
|-
| 5 Min || Abschluss || Plan + Hausaufgabe + nächster Termin
|}
 
=== 2.1 Einstieg & Rahmen (5 Min) ===
* Satz (Beispiel): „Ich frage systematisch Situationen ab. Danach gehen wir nur bei den wichtigsten Punkten tiefer rein.
* Skala für Häufigkeit/Intensität:
** 0 = nie
** 0 = nie
** 1 = selten
** 1 = selten
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** N/A = nicht beobachtet / nicht anwendbar
** N/A = nicht beobachtet / nicht anwendbar


== Gesprächsablauf (ca. 60 Minuten) ==
=== 2.2 Starterfragen (Stammdaten & Kontext, 10 Min) ===
;Hund
* Name:
* Alter / Geburtsdatum:
* Geschlecht / Kastrationsstatus:
* Rasse/Mix (falls bekannt):
* Seit wann im Haushalt:
* Herkunft (Züchter/Tierschutz/privat):
* Aufzucht/Sozialisation/Habituation (kurz):
* Gesundheit (Diagnosen, Schmerzverdacht, Medikation, letzter TA-Check):
* Bisheriges Training (kurz, auch im Bezug aufs Problem):
 
;Halter/Haushalt/Alltag
* Haushalt (Erwachsene/Kinder/weitere Tiere):
* Tagesroutine (Futter, Gassi, Ruhe, Beschäftigung, Sozialkontakt):
* Wohnumfeld (Stadt/Land, Treppenhaus, Nachbarn, Garten):
* Management aktuell (Trennung, Barrieren, Leinenhandling, Maulkorb ja/nein):
* Alleinbleiben (Screening): Häufigkeit/Woche __ ; max. Dauer __ ; auffällig (ja/nein) __
* Ziele/Wünsche: Was wäre in 4 Wochen ein sichtbarer Fortschritt?
 
=== 2.3 Triage-Gates (2 Min) ===
;Sicherheits-Gate
* Beißvorfall/Verletzung? Kontext + aktuelle Gefahrenlage (Ja/Nein; Details, wenn Ja).
* Wenn Risiko hoch: zuerst Sicherheitsplan + Management, keine riskanten Tests.
 
;Medizin-Gate (ohne Diagnosestellung)
* Verdacht auf Schmerz/klinische Ursache? (plötzlicher Beginn, deutliche Verschlechterung, Handling-aversion, Schonung)
* Wenn plausibel: tierärztliche Abklärung anregen, Trainingsintensität anpassen.
 
=== 2.4 Problemanalyse-Standard (W-Fragen + Chronologie, 15–20 Min) ===
;Problem definieren (beobachtbar, nicht etikettieren)
* Was genau macht der Hund? (Verhalten, Körperzeichen, Laut, Bewegung)
* Seit wann? Wie hat es begonnen? (1. Auftreten)
* Häufigkeit/Intensität (pro Woche; 0–4)
* Kontrollierbarkeit: Kann der Halter in der Situation sicher führen?
 
;W-Fragen (für jeden relevanten Vorfall)
* Wer? (Beteiligte: Mensch/Hund/Tier)
* Wo? (Ort, Raum, Leine/frei)
* Wann? (Tageszeit, vorherige Ereignisse)
* Wie? (Ablauf/Sequenz)
* Warum könnte es gerade jetzt „funktional“ sein? (was wird erreicht/endet?)
 
;Chronologie
* Bei mehreren Vorfällen: für jeden fragen und Reihenfolge/Entwicklung erstellen.
 
=== 2.5 ABC-Protokoll (funktionale Analyse) ===
{| class="wikitable" style="width:100%;"
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Zeit
! A – Antezedens/Trigger (vorher) !! B – Verhalten (genau) !! C – Konsequenz (danach) !! Notizen (Distanz, Dauer, Steuerbarkeit)
! Abschnitt
! Ziel / Output
|-
|-
| 5 Min
| || || ||
| Einstieg & Rahmen
| Erwartungen, Kontext, Definition der Skala, Umgang mit N/A
|-
|-
| 8 Min
| || || ||
| Training & [[Kooperation]]
| Kooperations-/Lernprofil, Ablenkbarkeit, [[Rückruf]]/Grundsignale
|-
|-
| 12 Min
| || || ||
| Aggression-Kontexte
|}
| Kritische Auslöser/Situationen, Sicherheitsrisiken, Muster
* Notiere zusätzlich: Distanz/Schwelle (m), Erholungszeit (Min), Futterannahme/Ansprechbarkeit (ja/nein).
* Hypothesen nebeneinander notieren (mindestens 2), nicht „festnageln“.
 
== 3) Ausschlussverfahren / Hypothesen-Check (pro Top-Cluster 3–5 Min) ==
;Red Flags (sofort priorisieren)
* Plötzlicher Beginn ohne erkennbaren Auslöser
* Deutliche Verschlechterung in kurzer Zeit
* Schmerz-/Krankheitsverdacht
* Beißvorfall/Verletzung oder massive Beinahe-Situation
* Panik/Unkontrollierbarkeit
 
;3 Kernfragen (immer gleich)
# Kontext: Was passiert direkt davor – ist es orts-/personen-/objektgebunden?
# Lernlogik: Was passiert danach typischerweise (Distanz, Aufmerksamkeit, Ende der Situation)?
# Steuerbarkeit: Kann der Hund Futter nehmen/auf Signal reagieren? (ja/nein)
 
;Mini-Entscheidung
* Sicherheit betroffen → Management zuerst (Distanz, Barrieren, klare Regeln, ggf. Maulkorbaufbau).
* Medizin plausibel → Abklärung anregen, Trainingsintensität bis dahin anpassen.
* Steuerbarkeit „nein“ → Reizstärke senken, Training unter Schwelle.
* Ritualisiert → Routine umbauen + alternative Verhaltenskette aufbauen.
 
== 4) Screening-Module (C-BARQ-basiert, als Gesprächs-Check) ==
''Anwendung: Nur Module aktivieren, die zum Fall passen. Pro Item: 0–4 oder N/A + 1 Satz Notiz.''
 
=== 4.1 Training & Kooperation (aktiv/inaktiv) ===
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Item !! Score (0–4/N/A) !! Notiz
|-
|-
| 12 Min
| Rückruf unter Ablenkung || ||  
| [[Angst]] & [[Unsicherheit]]
| Trigger, Schwellen/Distanz, [[Generalisierung]], [[Coping]]
|-
|-
| 8 Min
| Sitz/Grundsignal sofort || ||
| Alleinbleiben
| Trennungsstress-Indikatoren, Dauer, Verlauf, Management
|-
|-
| 6 Min
| Bleib/Impulskontrolle || ||
| Erregbarkeit
| Erregungs-Trigger, Hochfahren/Runterfahren, Routinen
|-
|-
| 4 Min
| Aufmerksamkeit trotz Ablenkung || ||
| [[Bindung]]/Aufmerksamkeit
| Näheverhalten, Aufmerksamkeitsforderungen, \"Schatten\"
|-
|-
| 5 Min
| Reaktion auf Korrektur/Abbruch (eskaliert?) || ||
| Sonstiges
| Jagd/Chasing, Leine, Markieren, Zerstören, Hyperaktivität etc.
|-
|-
| 5 Min
| Ablenkbarkeit (Gerüche/Sicht/Sound) || ||
| Abschluss & Priorisierung
| Top-3 Situationen, Ziele, erste Maßnahmen + nächster Termin
|}
|}


== 0) Einstieg & Rahmen (5 Min) ==
=== 4.2 Aggression-Kontexte (aktiv/inaktiv) ===
* Einstiegssatz (Beispiel): \"Ich stelle dir gleich systematische Fragen zu verschiedenen Situationen. Wenn etwas nie vorkommt oder du es nicht beobachtet hast, nehmen wir N/A.\"
{| class="wikitable" style="width:100%;"
* Kontext abholen:
! Kontext !! Score (0–4/N/A) !! Trigger/Ort/Distanz
** Hund (Alter, Herkunft, seit wann im Haushalt)
|-
** Alltag (Wohnsituation, Auslastung, Betreuung)
| Korrektur/Strafe durch Halter || ||
** [[Gesundheit]] (aktuelle Themen, Medikamente; falls relevant: Tierarztabklärung anregen)
|-
* Skalenanker kurz klären:
| Fremde Erwachsene (draußen) || ||
** \"0 = nie\" bedeutet: in dieser Situation tritt das Verhalten nicht auf.
|-
** \"4 = fast immer\" bedeutet: typischerweise jedes Mal / sehr zuverlässig.
| Fremde Kinder (draußen) || ||
|-
| Besucher/Personen im Haus || ||
|-
| Tür/Klingel/Lieferdienste || ||
|-
| Handling/Pflege (Pfoten, Bürsten, Halsband) || ||
|-
| Ressourcen wegnehmen (Futter/Objekte) || ||
|-
| Hund-Hund (draußen) || ||
|-
| Hund-Hund (im Haushalt) || ||
|}


== 1) Training & Kooperation (8 Min) ==
=== 4.3 Angst/Furcht/Unsicherheit (aktiv/inaktiv) ===
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
{| class="wikitable" style="width:100%;"
* Rückruf unter Ablenkung
! Kontext !! Score (0–4/N/A) !! Trigger
* \"[[Sitz]]\" auf Signal
|-
* \"Bleib\" / [[Impulskontrolle]]
| Fremde Personen (Nähe/Berühren) || ||
* [[Aufmerksamkeit]] auf den Menschen trotz Ablenkung
|-
* Ablenkbarkeit / \"schaltet schnell um\"
| Plötzliche/laute Geräusche || ||
* Reaktion auf Korrektur/Abbruchsignal (akzeptiert vs. eskaliert)
|-
* Lernt schnell neue Dinge / trainierbar
| Verkehr/Umweltreize || ||
* [[Apportieren]] / Spielkooperation (optional als Motivationshinweis)
|-
| Ungewohnte Objekte/Situationen || ||
|-
| Tierarzt/Behandlung || ||
|-
| Gewitter/Feuerwerk || ||
|-
| Hundebegegnungen (wenn „Angst“-typisch) || ||
|}


;Mini-Nachfragen (wenn Score ≥ 2)
=== 4.4 Trennungsbezogenes Verhalten / Alleinbleiben (aktiv/inaktiv) ===
* Wann genau klappt es / wann nicht?
{| class="wikitable" style="width:100%;"
* Welche Ablenkungen sind kritisch (Hunde, Menschen, Wild, Gerüche)?
! Zeichen !! Score (0–4/N/A) !! ab wann? (Min)
* Welche Belohnungen funktionieren zuverlässig?
|-
| Unruhe/Pacing || ||
|-
| Winseln || ||
|-
| Bellen/Heulen || ||
|-
| Zerstören/Kratzen || ||
|-
| Speicheln/Zittern || ||
|-
| Appetitverlust || ||
|}
 
=== 4.5 Erregbarkeit/Übererregung (aktiv/inaktiv) ===
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Kontext !! Score (0–4/N/A) !! Notiz
|-
| Heimkommen von Menschen || ||
|-
| Spielen || ||
|-
| Klingel || ||
|-
| Kurz vor Spaziergang/Autofahrt || ||
|-
| Besucher || ||
|-
| Schwer zu beruhigen (lange Erholung) || ||
|}
 
=== 4.6 Bindung & Aufmerksamkeit (aktiv/inaktiv) ===
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Zeichen !! Score (0–4/N/A) !! Notiz
|-
| Folgt im Haus (room to room) || ||
|-
| Sitzt nah/auf Körperkontakt || ||
|-
| Fordert Aufmerksamkeit (Anstupsen/Pfote) || ||
|-
| Unruhe bei Zuwendung an andere || ||
|}
 
=== 4.7 Sonstiges (aktiv/inaktiv) ===
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Verhalten !! Score (0–4/N/A) !! Notiz
|-
| Jagd/Chasing (Wild/Katzen/Vögel etc.) || ||
|-
| Leinenziehen || ||
|-
| Ausbrechen/Entlaufen || ||
|-
| Aufreiten || ||
|-
| Unangemessenes Kauen || ||
|-
| Markieren/Unterwürfigkeitsurin || ||
|-
| Hyperaktiv/unruhig, schwer zu settlen || ||
|}


== 2) Aggression-Kontexte (12 Min) ==
== 5) Kernfragen je Problem-Cluster (nur für Haupt/Neben) ==
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
''Auswahlregel: 1 Haupt-Cluster + 0–1 Nebenproblem. Pro Cluster 3–5 Minuten.''
* Aggression bei Korrektur/Strafe (z. B. Knurren/Schnappen)
* Aggression gegenüber fremden Erwachsenen draußen
* Aggression gegenüber fremden Kindern draußen
* Aggression bei Annäherung im Auto / im engen Raum
* [[Ressourcenverteidigung]] (Futter, Kauartikel, Spielzeug)
* Aggression bei Handling/Pflege (Bürsten, Pfoten, Maul, Halsband)
* Aggression gegenüber Besuchern/Personen im Haus
* Aggression an Tür/Klingel/Lieferdiensten
* Aggression gegenüber anderen Hunden (draußen)
* Aggression gegenüber anderen Hunden (zu Hause/auf Grundstück)


;Leitfragen pro auffälligem Item (Score ≥ 2)
=== 5.1 Angst/Unsicherheit ===
* Auslöser: \"Was genau passiert vorher?\"
# Auslöser: Was passiert in den 10 Sekunden davor genau?
* Distanz/Schwelle: \"Ab welcher Entfernung kippt es?\"
# Schwelle: Ab welcher Distanz/Intensität kippt es?
* Intensität: \"Knurren / Luftschnappen / Kontakt?\"
# Körperzeichen: Was siehst du konkret (Rückzug/Erstarren/Hecheln/Zittern)?
* Verlauf: \"Wie schnell steigert es sich? Wie endet es?\"
# Generalisierung: Nur dort/bei dieser Person/bei diesem Objekt oder überall?
* Konsequenzen: \"Was machst du dann? Was passiert danach?\"
# Erholung: Wie schnell kommt er wieder runter (Minuten)? Was hilft zuverlässig?
* Sicherheit: \"Gab es Verletzungen? Risiko für Menschen/Tiere?\"


== 3) Angst & Unsicherheit (12 Min) ==
=== 5.2 Aggression ===
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
# Kontext: Gegen wen / wo / wann (drinnen/draußen, eng/weit, Leine/frei)?
* Unsicherheit/Angst bei fremden Personen
# Vorstufen: Was kommt vor der Eskalation (Fixieren, Steifheit, Knurren)?
* Lärmempfindlichkeit (plötzliche Geräusche)
# Funktion: Was endet dadurch typischerweise (Annäherung, Handling, Konflikt)?
* Tierarzt/Behandlungssituation
# Eskalation: Wie schnell steigert es sich? Kontakt ja/nein?
* Gewitter/Feuerwerk
# Sicherheit: Welche Sofortmaßnahme reduziert Risiko am stärksten (Distanz/Barriere/Maulkorbaufbau)?
* Verkehr/Umweltreize (z. B. Bus/LKW)
* Ungewohnte Objekte/\"gruselige\" Dinge (z. B. Mülltonne, Flatterband)
* Unbekannte Situationen/Orte
* Wind / Wetterreize (optional)
* Angst bei Hundebegegnungen (je nach Konstellation)
* Handling-Angst (Krallen, Baden, Abtrocknen, \"über den Hund steigen\")


;Leitfragen pro auffälligem Item (Score ≥ 2)
=== 5.3 Ressourcen ===
* Trigger-Liste: \"Welche 3 Dinge sind am schlimmsten?\"
# Ressource: Was genau (Futter, Kauartikel, Spielzeug, Sofa, Mensch)?
* Körperzeichen: \"Was siehst du (Zittern, Ausweichen, Hecheln, Erstarren)?\"
# Betroffene: Wer ist Ziel/„Kontrahent“ (Haushalt, Kind, Besuch, Hund)?
* Coping: \"Geht er nach vorn ([[Bellen]]) oder eher Rückzug?\"
# Annäherung: Was reicht (vorbeigehen, anschauen, anfassen, wegnehmen)?
* Generalisierung: \"Ist es überall oder nur an bestimmten Orten?\"
# Warnsignale: Ab wann (Blocken, Steifheit, Knurren)?
# Management: Was wurde probiert, was hat eher verstärkt/entschärft?


== 4) Alleinbleiben (8 Min) ==
=== 5.4 Alleinbleiben ===
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
# Start: Ab wann nach dem Gehen beginnt es (Minuten)?
* Unruhe/Pacing
# Zeichen: Was genau (Laut, Unruhe, Zerstörung, Speicheln, Toilettieren)?
* Winseln/Bellen/Heulen
# Setup: Raum/Box/Gitter, Kauartikel, Musik, Kamera – was wurde getestet?
* Zerstören/Kratzen an Türen/Fenstern
# Verlauf: Wird es während der Abwesenheit besser/schlechter?
* Speicheln/Zittern
# Häufigkeit: Wie oft pro Woche und wie lange (realistisch)?
* Appetitverlust/Frisst nicht
* Toilettieren (Urin/Kot) beim Alleinsein (wenn relevant)


;Leitfragen
=== 5.5 Erregbarkeit/Frust/Impulskontrolle ===
* Dauer: \"Ab wann beginnt es? (Minuten)\"
# Trigger: Welche 1–2 Situationen sind die stärksten?
* Verlauf: \"Wird es besser oder schlimmer über die Zeit?\"
# Routine: Welche Rituale schieben Erregung hoch?
* Setup: \"Wie sieht das Alleinsein aus (Raum, Musik, Kamera, Kong, Gitter)?\"
# Runterfahren: Wie lange bis Ruhe möglich ist? Was funktioniert als Bremse?
* Management: \"Was hilft kurzfristig?\"
# Frust-Marker: Passiert es v. a. bei Blockade („darf nicht hin“) oder auch ohne?
# Konsequenz: Was erreicht der Hund dadurch (Tür geht auf, Aufmerksamkeit, Bewegung)?


== 5) Erregbarkeit (6 Min) ==
=== 5.6 Jagd/Chasing ===
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
# Reiztypen: Was triggert am stärksten (Geruch, Sicht, Bewegung)?
* Hochdrehen, wenn Menschen nach Hause kommen
# Distanz: Ab wann geht es los?
* Hochdrehen bei Besucher/Klingel
# Kette: Suchen → Fixieren → Anziehen → Ausbruch?
* Hochdrehen beim Spielen
# Rückruf/Alternativen: Was ist bei niedriger Ablenkung möglich?
* Hochdrehen kurz vor [[Spaziergang]]/Autofahrt
# Sicherung: Welche Leinen-/Geschirr-Lösung ist aktuell stabil?
* \"Kommt schwer runter\" nach Reizen


;Leitfragen
== 6) Management (Sofortmaßnahmen – Basis für Training) ==
* Spitzen: \"Welche Situation ist die stärkste?\"
;Grundsatz
* Runterfahren: \"Wie lange dauert es, bis Ruhe da ist?\"
* Management = Problem-/Situationsvermeidung; nie 100% möglich, „heilt“ nicht allein, liefert aber Grundlage für Training.
* Routine: \"Welche [[Rituale]] verstärken es?\"
* Auslöser vermeiden, Ressourcen kontrolliert durch den Menschen, Krisen zügig verlassen/beenden.
* Hilfsmittel geplant einsetzen und ggf. vorher auftrainieren.
* Vorsicht bei stark erregenden Belohnungen.


== 6) Bindung/Aufmerksamkeit (4 Min) ==
;Hilfsmittel (Auswahl)
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
* Liegeplatz/Sicherheitszone: kein Strafen am Platz; dort passieren angenehme Dinge; Liegeplatztraining (ggf. 2 Phasen).
* Folgt einer Person ständig (\"Shadowing\")
* Box: nur nach Aufbau; Größe/Material passend; Cave: nicht als „Dauerverwahrung“ missbrauchen.
* Sucht häufig Körperkontakt
* Maulkorb: Schutz von Menschen/Tieren; Cave: Hund nicht unbeaufsichtigt „einfach so“ damit laufen lassen; auch mit MK kann Schaden entstehen.
* Fordert Aufmerksamkeit (Anstupsen/Pfote/Anspringen)
* Unruhig/Eifersucht, wenn Zuwendung an andere geht


== 7) Sonstiges (5 Min) ==
== 7) Zusammenleben: Bindung & Strukturen („Spielregeln“) ==
;Checkliste (Score 0–4 / N/A + Notiz)
;Ziel
* Jagd/Chasing (Wild, Katzen, Jogger, Fahrräder)
* Ruhe/Entspannung über klare Strukturen, Routine und Rituale (individuell zuschneiden).
* Ausbrechen/Entlaufen
* Rückzugs- und Ruhezonen einrichten und beachten.
* Kot wälzen / Kot fressen / \"Ekelsachen\"
* Kommunikation strukturieren (klar, eindeutig, fair) – nicht „Dominanz“.
* Unangemessenes Kauen/Zerstören (außer Alleinsein)
* Aufreiten
* Betteln/Futter klauen
* Treppenangst
* Leinenziehen
* Markieren / Unterwürfigkeitsurin
* Hyperaktivität/Unruhe allgemein


== 8) Abschluss & Priorisierung (5 Min) ==
;Cave
;Top-3 Situationen (aus der gesamten Liste)
* Keine Strafen/keine Bedrängung bei riskanten Fällen; Eskalationsrisiko im Blick.
# Situation 1: ____________________ (Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
* Regeln in kleinen Schritten etablieren (Frustration nicht unnötig hochfahren).
# Situation 2: ____________________ (Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
# Situation 3: ____________________ (Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)


;Offene Ergänzung (1 Minute)
== 8) Spezielles Training (Planung) ==
* \"Gibt es Situationen, die wir noch nicht angesprochen haben, die aber wichtig sind?\"
;Grundsätze
* Individuelle Situation: einfache Lösungen sind oft erfolgreicher als komplexe.
* Zielorientierung:
** Negativziel vermeiden („soll nicht…“).
** Positivziel formulieren („wenn X, dann macht Hund Y…“).
* Trainingsmantren:
** Saubere Trennung von Ernstfall und Training.
** Erregungslevel und Stresstoleranz im Blick behalten.


== Schnell-Dokumentation pro Schlüsselproblem (für die Nachbereitung) ==
;Methoden-Bibliothek (Auswahl)
* Habituation / Desensibilisierung (inkl. systematische Desensibilisierung)
* Gegenkonditionierung (klassisch/operant)
* Alternativverhalten (differenziell verstärken), Shaping, ggf. Locken
* Kerneigenschaften: kurze Sequenzen, angemessene Pausen, klare Information, positive Verstärkung.
 
== 9) Desensibilisierung & Gegenkonditionierung (Kurzprotokoll-Vorlagen) ==
=== 9.1 Reizkontrolle (Gate) ===
* Auslösender Reiz muss 100% kontrollierbar sein (Intensität, Distanz, Dauer).
 
=== 9.2 Desensibilisierung (Template) ===
# Start unter Schwelle (Hund kann Futter nehmen/ansprechbar).
# Reiz kurz, niedrig; Abbruch bevor Erregung hochgeht.
# Sehr langsame Steigerung (Distanz reduzieren / Dauer erhöhen / Reiz intensiver).
# Optional: Entspannungssignal einbauen (nur wenn der Hund es vorher gelernt hat).
 
=== 9.3 Gegenkonditionierung (Template) ===
# Reiz erscheint (unter Schwelle) → sofort gute Konsequenz (Futter/Spiel passend dosieren).
# Ziel: Reiz bekommt neue emotionale Bewertung.
# Alternativ: Reiz erscheint → Alternativverhalten auslösen und belohnen.
 
== 10) Unterbrechung von Verhalten (nur wenn nötig) ==
;Neutraler Unterbrecher
* Neutral geben; danach gewünschtes Alternativverhalten auslösen + belohnen.
 
;Cave
* Unterbrechung kann Stress/Frustration auslösen; Gefährdungspotential und Tierschutzrelevanz abwägen.
* Wenn aktiv: Hausleine/Geschirrgriff nur emotionslos/neutral; ideal vortrainieren/ankündigen.
 
== 11) Beobachtung & Tests (Termin 2 / live) – nur wenn sicher ==
;Grundsatz
* Nur soweit austesten, dass der Hund
** nicht überfordert wird,
** keine unerwünschten Lernerfahrungen macht,
** niemand gefährdet wird.
 
;Gefahrminimierung (Setup)
* Hilfsmittel (Geschirr/Leine/MK) sinnvoll; Halter muss Hund sicher kontrollieren können.
* Ggf. Hilfsperson (Hilfsleine), klare Anweisungen, Geschehen im Blick, rechtzeitig intervenieren.
 
;Im Freien prüfen
* Situation einsehbar? Genug Platz zum Ausweichen?
* Gefahr unkontrollierter Annäherung (Kinder/Tiere/Fahrzeuge)?
* Bei umzäuntem Gelände: Zaun hoch genug, Eingang sicher verschließbar.
 
== 12) Aggression – spezielle Hinweise (Modul-Vertiefung) ==
;Typische Auslöser-Kontexte (Beispiele)
* (vermeintliche) Bedrohung der Unversehrtheit (schnelle/frontal Annäherung, über den Hund beugen, Fixieren, körperliche Bedrängung, Schmerz)
* Verlust/Angst vor Verlust einer Ressource
* Frustrationsauslösender Kontext
* Gelernte Signale (z.B. Besitzerverhalten)
 
;Innerhalb des Haushalts (Hund–Mensch / Hund–Hund)
* Sicherheit geht vor; Hunde und Kinder immer beaufsichtigen, ggf. räumlich trennen (Cave: Trennung kann Problem zunächst „zementieren“).
* Hilfsmittel wie Hausleine/Maulkorb gezielt nutzen; Trennmöglichkeiten klären.
* Spielregeln in kleinen Schritten etablieren (Frustration/Umorientierung im Blick).
 
;Cave Gegenkonditionierung im Haushalt
* Klassische Gegenkonditionierung ist riskant, wenn „Opfer und Täter“ unter einem Dach leben; extrem gutes Management nötig.
* Möglichst viele Stress-/Erregungsauslöser identifizieren; Desensibilisierung und Vermeiden von Stresssituationen.
 
;Eingreifen in Konflikte
* So selten wie möglich / so oft wie nötig / so beiläufig wie möglich / so zeitig wie möglich.
* Neutrale Unterbrecher besser; keine aktive Strafe.
 
== 13) Abschluss (Termin 1) – Plan & Hausaufgabe ==
;Top-3 Situationen
# Situation 1: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
# Situation 2: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
# Situation 3: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
 
;Plan (3 Säulen)
* Management (2 Punkte sofort): ____________________ / ____________________
* Strukturen/Spielregeln (1–2 Punkte): ____________________ / ____________________
* Training (1 Ziel, positiv formuliert): ____________________
 
;Hausaufgabe
* Vorfallprotokoll (3 Ereignisse): Trigger, Distanz, Intensität (1–5), Dauer, Konsequenz, was half/verschlimmerte.
* Optional (nur sicher): Video 1 typischer Situation unter Managementbedingungen.
 
== 14) Messung & Follow-up (Iteration) ==
{| class="wikitable" style="width:100%;"
{| class="wikitable" style="width:100%;"
! Item/Situation
! Messgröße !! Startwert !! Zielwert !! Messmethode !! Frequenz
! Score (0–4 / N/A)
|-
! Häufigkeit (pro Woche)
| Häufigkeit Problem / Woche || || || Logbuch || wöchentlich
! Intensität (1–5)
! Distanz/Schwelle
! Auslöser/Trigger
! Management bisher
! Zielbild (was soll stattdessen passieren?)
|-
|-
| 1) ____________________
| Intensität (0–4) || || || Skala || wöchentlich
| __
| __
| __
| __
| __
| __
| __
|-
|-
| 2) ____________________
| Distanzschwelle (m) || || || Schrittmaß || 2-wöchentlich
| __
| __
| __
| __
| __
| __
| __
|-
|-
| 3) ____________________
| Erholungszeit (Min) || || || Timer || 2-wöchentlich
| __
|-
| __
| Steuerbarkeit (Futter/Signal: ja/nein) || || || Notiz || wöchentlich
| __
| __
| __
| __
| __
|}
|}
 
* Nächster Termin: Datum __ ; Fokus __ ; Stop-Kriterien __
== Ergebnis: Erste Maßnahmen (zum Mitgeben) ==
;Training (1–2 Ziele)
* Ziel A: ____________________ (\"In 4 Wochen kann der Hund in Situation X ...\")
* Ziel B: ____________________ (optional)
 
;Management (2 Maßnahmen sofort)
* Maßnahme 1: ____________________ (z. B. Distanzmanagement, Leinenhandling, Reizkontrolle)
* Maßnahme 2: ____________________
 
;Nächster Termin / Hausaufgabe
* Beobachtungsauftrag: 3 Situationen protokollieren (Trigger, Distanz, Intensität, Dauer, was hat geholfen).
* Optional: Video in 1–2 typischen Alltagssituationen (wenn sicher möglich).
 
== Hinweise zu Interpretation & Qualität ==
* Antworten sind Selbstauskunft: bei Unsicherheit lieber konkrete Beispiele erfragen.
* N/A konsequent nutzen (sonst werden Bereiche künstlich \"schlecht gerechnet\").
* Bei Sicherheitsrisiko (Menschen/Tiere): Management priorisieren, Trainingsschritte erst nach Risikoreduktion.


[[Kategorie:Hundetraining]]
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[[Kategorie:Anamnese]]
[[Kategorie:Anamnese]]
[[Kategorie:Problemverhalten]]

Aktuelle Version vom 2. Februar 2026, 20:23 Uhr

Verhaltensanamnese & Problemanalyse (Master-Leitfaden)

0) Ziel & Prinzipien

Ziel
  • Systematisches Erfassen von Problemverhalten + Priorisierung + erster wirksamer Plan.
  • Output: 1 Hauptproblem + 0–1 Nebenproblem, jeweils mit Management (sofort) + Training (Plan) + Hausaufgabe.
Prinzipien (für die Gesprächsführung)
  • Mit dem Problem anfangen, dann Kontext/W-Fragen, dann Muster (Chronologie/ABC).
  • Nicht moralisch bewerten; Verhalten ist für den Hund funktional (Symptom – Ursachen/Auslöser klären).
  • Erst Sicherheit/Management, dann Training. Ernstfall und Training sauber trennen.

1) Vorab-Screening (Telefon/Online, 10–15 Min)

1.1 Kurzcheck
  • Was stört am meisten? (1 Satz, beobachtbar)
  • Seit wann? Verlauf (besser/schlechter/Sprünge)?
  • Häufigkeit pro Woche / Intensität (0–4)?
  • Sicherheitsrelevant? (Beißvorfall/Beinahe-Biss/Kind im Haushalt)
  • Kann der Halter den Hund sicher kontrollieren? (Leine, Handling, Kraft)
  • Verdacht auf Schmerz/medizinische Themen? (plötzlich, Berührungsempfindlichkeit, Schonung)
1.2 Mitbringen / Vorbereiten (Checkliste)
  • 1–3 kurze Videos (nur wenn sicher möglich)
  • Liste: Top-5 Trigger/Situationen
  • Equipment, das real genutzt wird (Geschirr/Leinen/Maulkorb falls vorhanden)
  • Optional: Fragebogen (C-BARQ-Kurzscreening; siehe Abschnitt 4)

2) Termin 1 (ca. 60 Min) – Anamnese & Problemanalyse

Zeit Modul Ergebnis
5 Min Einstieg & Skala Rahmen, Ton, Vorgehen
10 Min Starterfragen + Triage Kontext + Sicherheits-/Medizin-Gates
25 Min Problemanalyse (W-Fragen + Chronologie + ABC) Muster + Hypothesen
15 Min Screening (Module nach Bedarf) Clusterwahl (Haupt/Neben)
5 Min Abschluss Plan + Hausaufgabe + nächster Termin

2.1 Einstieg & Rahmen (5 Min)

  • Satz (Beispiel): „Ich frage systematisch Situationen ab. Danach gehen wir nur bei den wichtigsten Punkten tiefer rein.“
  • Skala für Häufigkeit/Intensität:
    • 0 = nie
    • 1 = selten
    • 2 = manchmal
    • 3 = häufig
    • 4 = sehr häufig / (fast) immer
    • N/A = nicht beobachtet / nicht anwendbar

2.2 Starterfragen (Stammdaten & Kontext, 10 Min)

Hund
  • Name:
  • Alter / Geburtsdatum:
  • Geschlecht / Kastrationsstatus:
  • Rasse/Mix (falls bekannt):
  • Seit wann im Haushalt:
  • Herkunft (Züchter/Tierschutz/privat):
  • Aufzucht/Sozialisation/Habituation (kurz):
  • Gesundheit (Diagnosen, Schmerzverdacht, Medikation, letzter TA-Check):
  • Bisheriges Training (kurz, auch im Bezug aufs Problem):
Halter/Haushalt/Alltag
  • Haushalt (Erwachsene/Kinder/weitere Tiere):
  • Tagesroutine (Futter, Gassi, Ruhe, Beschäftigung, Sozialkontakt):
  • Wohnumfeld (Stadt/Land, Treppenhaus, Nachbarn, Garten):
  • Management aktuell (Trennung, Barrieren, Leinenhandling, Maulkorb ja/nein):
  • Alleinbleiben (Screening): Häufigkeit/Woche __ ; max. Dauer __ ; auffällig (ja/nein) __
  • Ziele/Wünsche: Was wäre in 4 Wochen ein sichtbarer Fortschritt?

2.3 Triage-Gates (2 Min)

Sicherheits-Gate
  • Beißvorfall/Verletzung? Kontext + aktuelle Gefahrenlage (Ja/Nein; Details, wenn Ja).
  • Wenn Risiko hoch: zuerst Sicherheitsplan + Management, keine riskanten Tests.
Medizin-Gate (ohne Diagnosestellung)
  • Verdacht auf Schmerz/klinische Ursache? (plötzlicher Beginn, deutliche Verschlechterung, Handling-aversion, Schonung)
  • Wenn plausibel: tierärztliche Abklärung anregen, Trainingsintensität anpassen.

2.4 Problemanalyse-Standard (W-Fragen + Chronologie, 15–20 Min)

Problem definieren (beobachtbar, nicht etikettieren)
  • Was genau macht der Hund? (Verhalten, Körperzeichen, Laut, Bewegung)
  • Seit wann? Wie hat es begonnen? (1. Auftreten)
  • Häufigkeit/Intensität (pro Woche; 0–4)
  • Kontrollierbarkeit: Kann der Halter in der Situation sicher führen?
W-Fragen (für jeden relevanten Vorfall)
  • Wer? (Beteiligte: Mensch/Hund/Tier)
  • Wo? (Ort, Raum, Leine/frei)
  • Wann? (Tageszeit, vorherige Ereignisse)
  • Wie? (Ablauf/Sequenz)
  • Warum könnte es gerade jetzt „funktional“ sein? (was wird erreicht/endet?)
Chronologie
  • Bei mehreren Vorfällen: für jeden fragen und Reihenfolge/Entwicklung erstellen.

2.5 ABC-Protokoll (funktionale Analyse)

A – Antezedens/Trigger (vorher) B – Verhalten (genau) C – Konsequenz (danach) Notizen (Distanz, Dauer, Steuerbarkeit)
  • Notiere zusätzlich: Distanz/Schwelle (m), Erholungszeit (Min), Futterannahme/Ansprechbarkeit (ja/nein).
  • Hypothesen nebeneinander notieren (mindestens 2), nicht „festnageln“.

3) Ausschlussverfahren / Hypothesen-Check (pro Top-Cluster 3–5 Min)

Red Flags (sofort priorisieren)
  • Plötzlicher Beginn ohne erkennbaren Auslöser
  • Deutliche Verschlechterung in kurzer Zeit
  • Schmerz-/Krankheitsverdacht
  • Beißvorfall/Verletzung oder massive Beinahe-Situation
  • Panik/Unkontrollierbarkeit
3 Kernfragen (immer gleich)
  1. Kontext: Was passiert direkt davor – ist es orts-/personen-/objektgebunden?
  2. Lernlogik: Was passiert danach typischerweise (Distanz, Aufmerksamkeit, Ende der Situation)?
  3. Steuerbarkeit: Kann der Hund Futter nehmen/auf Signal reagieren? (ja/nein)
Mini-Entscheidung
  • Sicherheit betroffen → Management zuerst (Distanz, Barrieren, klare Regeln, ggf. Maulkorbaufbau).
  • Medizin plausibel → Abklärung anregen, Trainingsintensität bis dahin anpassen.
  • Steuerbarkeit „nein“ → Reizstärke senken, Training unter Schwelle.
  • Ritualisiert → Routine umbauen + alternative Verhaltenskette aufbauen.

4) Screening-Module (C-BARQ-basiert, als Gesprächs-Check)

Anwendung: Nur Module aktivieren, die zum Fall passen. Pro Item: 0–4 oder N/A + 1 Satz Notiz.

4.1 Training & Kooperation (aktiv/inaktiv)

Item Score (0–4/N/A) Notiz
Rückruf unter Ablenkung
Sitz/Grundsignal sofort
Bleib/Impulskontrolle
Aufmerksamkeit trotz Ablenkung
Reaktion auf Korrektur/Abbruch (eskaliert?)
Ablenkbarkeit (Gerüche/Sicht/Sound)

4.2 Aggression-Kontexte (aktiv/inaktiv)

Kontext Score (0–4/N/A) Trigger/Ort/Distanz
Korrektur/Strafe durch Halter
Fremde Erwachsene (draußen)
Fremde Kinder (draußen)
Besucher/Personen im Haus
Tür/Klingel/Lieferdienste
Handling/Pflege (Pfoten, Bürsten, Halsband)
Ressourcen wegnehmen (Futter/Objekte)
Hund-Hund (draußen)
Hund-Hund (im Haushalt)

4.3 Angst/Furcht/Unsicherheit (aktiv/inaktiv)

Kontext Score (0–4/N/A) Trigger
Fremde Personen (Nähe/Berühren)
Plötzliche/laute Geräusche
Verkehr/Umweltreize
Ungewohnte Objekte/Situationen
Tierarzt/Behandlung
Gewitter/Feuerwerk
Hundebegegnungen (wenn „Angst“-typisch)

4.4 Trennungsbezogenes Verhalten / Alleinbleiben (aktiv/inaktiv)

Zeichen Score (0–4/N/A) ab wann? (Min)
Unruhe/Pacing
Winseln
Bellen/Heulen
Zerstören/Kratzen
Speicheln/Zittern
Appetitverlust

4.5 Erregbarkeit/Übererregung (aktiv/inaktiv)

Kontext Score (0–4/N/A) Notiz
Heimkommen von Menschen
Spielen
Klingel
Kurz vor Spaziergang/Autofahrt
Besucher
Schwer zu beruhigen (lange Erholung)

4.6 Bindung & Aufmerksamkeit (aktiv/inaktiv)

Zeichen Score (0–4/N/A) Notiz
Folgt im Haus (room to room)
Sitzt nah/auf Körperkontakt
Fordert Aufmerksamkeit (Anstupsen/Pfote)
Unruhe bei Zuwendung an andere

4.7 Sonstiges (aktiv/inaktiv)

Verhalten Score (0–4/N/A) Notiz
Jagd/Chasing (Wild/Katzen/Vögel etc.)
Leinenziehen
Ausbrechen/Entlaufen
Aufreiten
Unangemessenes Kauen
Markieren/Unterwürfigkeitsurin
Hyperaktiv/unruhig, schwer zu settlen

5) Kernfragen je Problem-Cluster (nur für Haupt/Neben)

Auswahlregel: 1 Haupt-Cluster + 0–1 Nebenproblem. Pro Cluster 3–5 Minuten.

5.1 Angst/Unsicherheit

  1. Auslöser: Was passiert in den 10 Sekunden davor genau?
  2. Schwelle: Ab welcher Distanz/Intensität kippt es?
  3. Körperzeichen: Was siehst du konkret (Rückzug/Erstarren/Hecheln/Zittern)?
  4. Generalisierung: Nur dort/bei dieser Person/bei diesem Objekt oder überall?
  5. Erholung: Wie schnell kommt er wieder runter (Minuten)? Was hilft zuverlässig?

5.2 Aggression

  1. Kontext: Gegen wen / wo / wann (drinnen/draußen, eng/weit, Leine/frei)?
  2. Vorstufen: Was kommt vor der Eskalation (Fixieren, Steifheit, Knurren)?
  3. Funktion: Was endet dadurch typischerweise (Annäherung, Handling, Konflikt)?
  4. Eskalation: Wie schnell steigert es sich? Kontakt ja/nein?
  5. Sicherheit: Welche Sofortmaßnahme reduziert Risiko am stärksten (Distanz/Barriere/Maulkorbaufbau)?

5.3 Ressourcen

  1. Ressource: Was genau (Futter, Kauartikel, Spielzeug, Sofa, Mensch)?
  2. Betroffene: Wer ist Ziel/„Kontrahent“ (Haushalt, Kind, Besuch, Hund)?
  3. Annäherung: Was reicht (vorbeigehen, anschauen, anfassen, wegnehmen)?
  4. Warnsignale: Ab wann (Blocken, Steifheit, Knurren)?
  5. Management: Was wurde probiert, was hat eher verstärkt/entschärft?

5.4 Alleinbleiben

  1. Start: Ab wann nach dem Gehen beginnt es (Minuten)?
  2. Zeichen: Was genau (Laut, Unruhe, Zerstörung, Speicheln, Toilettieren)?
  3. Setup: Raum/Box/Gitter, Kauartikel, Musik, Kamera – was wurde getestet?
  4. Verlauf: Wird es während der Abwesenheit besser/schlechter?
  5. Häufigkeit: Wie oft pro Woche und wie lange (realistisch)?

5.5 Erregbarkeit/Frust/Impulskontrolle

  1. Trigger: Welche 1–2 Situationen sind die stärksten?
  2. Routine: Welche Rituale schieben Erregung hoch?
  3. Runterfahren: Wie lange bis Ruhe möglich ist? Was funktioniert als Bremse?
  4. Frust-Marker: Passiert es v. a. bei Blockade („darf nicht hin“) oder auch ohne?
  5. Konsequenz: Was erreicht der Hund dadurch (Tür geht auf, Aufmerksamkeit, Bewegung)?

5.6 Jagd/Chasing

  1. Reiztypen: Was triggert am stärksten (Geruch, Sicht, Bewegung)?
  2. Distanz: Ab wann geht es los?
  3. Kette: Suchen → Fixieren → Anziehen → Ausbruch?
  4. Rückruf/Alternativen: Was ist bei niedriger Ablenkung möglich?
  5. Sicherung: Welche Leinen-/Geschirr-Lösung ist aktuell stabil?

6) Management (Sofortmaßnahmen – Basis für Training)

Grundsatz
  • Management = Problem-/Situationsvermeidung; nie 100% möglich, „heilt“ nicht allein, liefert aber Grundlage für Training.
  • Auslöser vermeiden, Ressourcen kontrolliert durch den Menschen, Krisen zügig verlassen/beenden.
  • Hilfsmittel geplant einsetzen und ggf. vorher auftrainieren.
  • Vorsicht bei stark erregenden Belohnungen.
Hilfsmittel (Auswahl)
  • Liegeplatz/Sicherheitszone: kein Strafen am Platz; dort passieren angenehme Dinge; Liegeplatztraining (ggf. 2 Phasen).
  • Box: nur nach Aufbau; Größe/Material passend; Cave: nicht als „Dauerverwahrung“ missbrauchen.
  • Maulkorb: Schutz von Menschen/Tieren; Cave: Hund nicht unbeaufsichtigt „einfach so“ damit laufen lassen; auch mit MK kann Schaden entstehen.

7) Zusammenleben: Bindung & Strukturen („Spielregeln“)

Ziel
  • Ruhe/Entspannung über klare Strukturen, Routine und Rituale (individuell zuschneiden).
  • Rückzugs- und Ruhezonen einrichten und beachten.
  • Kommunikation strukturieren (klar, eindeutig, fair) – nicht „Dominanz“.
Cave
  • Keine Strafen/keine Bedrängung bei riskanten Fällen; Eskalationsrisiko im Blick.
  • Regeln in kleinen Schritten etablieren (Frustration nicht unnötig hochfahren).

8) Spezielles Training (Planung)

Grundsätze
  • Individuelle Situation: einfache Lösungen sind oft erfolgreicher als komplexe.
  • Zielorientierung:
    • Negativziel vermeiden („soll nicht…“).
    • Positivziel formulieren („wenn X, dann macht Hund Y…“).
  • Trainingsmantren:
    • Saubere Trennung von Ernstfall und Training.
    • Erregungslevel und Stresstoleranz im Blick behalten.
Methoden-Bibliothek (Auswahl)
  • Habituation / Desensibilisierung (inkl. systematische Desensibilisierung)
  • Gegenkonditionierung (klassisch/operant)
  • Alternativverhalten (differenziell verstärken), Shaping, ggf. Locken
  • Kerneigenschaften: kurze Sequenzen, angemessene Pausen, klare Information, positive Verstärkung.

9) Desensibilisierung & Gegenkonditionierung (Kurzprotokoll-Vorlagen)

9.1 Reizkontrolle (Gate)

  • Auslösender Reiz muss 100% kontrollierbar sein (Intensität, Distanz, Dauer).

9.2 Desensibilisierung (Template)

  1. Start unter Schwelle (Hund kann Futter nehmen/ansprechbar).
  2. Reiz kurz, niedrig; Abbruch bevor Erregung hochgeht.
  3. Sehr langsame Steigerung (Distanz reduzieren / Dauer erhöhen / Reiz intensiver).
  4. Optional: Entspannungssignal einbauen (nur wenn der Hund es vorher gelernt hat).

9.3 Gegenkonditionierung (Template)

  1. Reiz erscheint (unter Schwelle) → sofort gute Konsequenz (Futter/Spiel passend dosieren).
  2. Ziel: Reiz bekommt neue emotionale Bewertung.
  3. Alternativ: Reiz erscheint → Alternativverhalten auslösen und belohnen.

10) Unterbrechung von Verhalten (nur wenn nötig)

Neutraler Unterbrecher
  • Neutral geben; danach gewünschtes Alternativverhalten auslösen + belohnen.
Cave
  • Unterbrechung kann Stress/Frustration auslösen; Gefährdungspotential und Tierschutzrelevanz abwägen.
  • Wenn aktiv: Hausleine/Geschirrgriff nur emotionslos/neutral; ideal vortrainieren/ankündigen.

11) Beobachtung & Tests (Termin 2 / live) – nur wenn sicher

Grundsatz
  • Nur soweit austesten, dass der Hund
    • nicht überfordert wird,
    • keine unerwünschten Lernerfahrungen macht,
    • niemand gefährdet wird.
Gefahrminimierung (Setup)
  • Hilfsmittel (Geschirr/Leine/MK) sinnvoll; Halter muss Hund sicher kontrollieren können.
  • Ggf. Hilfsperson (Hilfsleine), klare Anweisungen, Geschehen im Blick, rechtzeitig intervenieren.
Im Freien prüfen
  • Situation einsehbar? Genug Platz zum Ausweichen?
  • Gefahr unkontrollierter Annäherung (Kinder/Tiere/Fahrzeuge)?
  • Bei umzäuntem Gelände: Zaun hoch genug, Eingang sicher verschließbar.

12) Aggression – spezielle Hinweise (Modul-Vertiefung)

Typische Auslöser-Kontexte (Beispiele)
  • (vermeintliche) Bedrohung der Unversehrtheit (schnelle/frontal Annäherung, über den Hund beugen, Fixieren, körperliche Bedrängung, Schmerz)
  • Verlust/Angst vor Verlust einer Ressource
  • Frustrationsauslösender Kontext
  • Gelernte Signale (z.B. Besitzerverhalten)
Innerhalb des Haushalts (Hund–Mensch / Hund–Hund)
  • Sicherheit geht vor; Hunde und Kinder immer beaufsichtigen, ggf. räumlich trennen (Cave: Trennung kann Problem zunächst „zementieren“).
  • Hilfsmittel wie Hausleine/Maulkorb gezielt nutzen; Trennmöglichkeiten klären.
  • Spielregeln in kleinen Schritten etablieren (Frustration/Umorientierung im Blick).
Cave Gegenkonditionierung im Haushalt
  • Klassische Gegenkonditionierung ist riskant, wenn „Opfer und Täter“ unter einem Dach leben; extrem gutes Management nötig.
  • Möglichst viele Stress-/Erregungsauslöser identifizieren; Desensibilisierung und Vermeiden von Stresssituationen.
Eingreifen in Konflikte
  • So selten wie möglich / so oft wie nötig / so beiläufig wie möglich / so zeitig wie möglich.
  • Neutrale Unterbrecher besser; keine aktive Strafe.

13) Abschluss (Termin 1) – Plan & Hausaufgabe

Top-3 Situationen
  1. Situation 1: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
  2. Situation 2: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
  3. Situation 3: ____________________ (Cluster: __ / Score: __ / Trigger: __ / Risiko: __)
Plan (3 Säulen)
  • Management (2 Punkte sofort): ____________________ / ____________________
  • Strukturen/Spielregeln (1–2 Punkte): ____________________ / ____________________
  • Training (1 Ziel, positiv formuliert): ____________________
Hausaufgabe
  • Vorfallprotokoll (3 Ereignisse): Trigger, Distanz, Intensität (1–5), Dauer, Konsequenz, was half/verschlimmerte.
  • Optional (nur sicher): Video 1 typischer Situation unter Managementbedingungen.

14) Messung & Follow-up (Iteration)

Messgröße Startwert Zielwert Messmethode Frequenz
Häufigkeit Problem / Woche Logbuch wöchentlich
Intensität (0–4) Skala wöchentlich
Distanzschwelle (m) Schrittmaß 2-wöchentlich
Erholungszeit (Min) Timer 2-wöchentlich
Steuerbarkeit (Futter/Signal: ja/nein) Notiz wöchentlich
  • Nächster Termin: Datum __ ; Fokus __ ; Stop-Kriterien __